Blick aufs Handy statt auf den Verkehr.
An einer vielbefahrenen Straße in Frankfurt: Zwei Fußgänger blicken an einer Ampel aufs Handy. Bild © hr

Smartphones und Kopfhörer sind zum unverzichtbaren Begleiter im Alltag geworden – und zur tödlichen Gefahr. Immer wieder sterben Menschen, weil sie im Straßenverkehr abgelenkt sind. Ein Kopfhörer-Verbot ist trotzdem umstritten.

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zum Video Bodenampel an der Frankfurter U-Bahn-Station "Am Lindenbaum"

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31. Mai 2008: Ein 37 Jahre alter Jogger wird in Frankfurt von einer Straßenbahn erfasst und stirbt. Der Mann trug Kopfhörer. 15. März 2012: Ein 15 Jahre alter Teenager übersieht in Kassel eine Tram und wird bei der Kollision tödlich verletzt. Der Junge hörte Musik. 23. Juli 2013: Am Bahnübergang in Hainburg (Offenbach) kommt ebenfalls ein 15-Jähriger ums Leben. Er hatte Kopfhörer auf, hörte die Warnsignale der herannahenden Regionalbahn nicht.

Am vergangenen Mittwoch sorgte der tödliche Unfall eines 16 Jahre alten Mädchens an einem unbeschrankten Bahnübergang in Babenhausen (Darmstadt-Dieburg) für große Bestürzung. Auch hier deutet alles darauf hin, dass die Jugendliche Kopfhörer trug und den Zug nicht hörte. "Die Ermittlungen sind noch nicht ganz abgeschlossen. Aber die Gesamtumstände lassen darauf schließen", sagte eine Polizeisprecherin hessenschau.de. Sicher ist: Bei dem Mädchen wurden Kopfhörer gefunden.

Aufklärungsarbeit immer wichtiger

Beinahe wäre vor wenigen Tagen in Frankfurt ein weiteres Mädchen ums Leben gekommen. Die Zwölfjährige war trotz roter Ampel über die Fahrbahn gelaufen, von einem Auto erfasst und schwer verletzt worden. Sie trug Kopfhörer.

In den vergangenen Jahren sind allein in Hessen mehr als ein halbes Dutzend Menschen gestorben, weil sie im Straßenverkehr durch das Handy oder den Kopfhörer abgelenkt waren. Auch die Frankfurter Polizei hat eine Zunahme solcher Unfälle registriert. "Die Ablenkung im Straßenverkehr spielt eine immer größere Rolle", sagte ein Polizeisprecher hessenschau.de. Mit verschiedenen Maßnahmen wolle man schwächere Verkehrsteilnehmer wie Radfahrer und Fußgänger darauf aufmerksam machen. "Wir sprechen die Leute vor Schulen an und sagen, wie gefährlich eine akustische Abschottung sein kann", erklärte der Sprecher und verwies dabei auf die Anfang Mai gestartete Präventiv-Aktion "Uffbasse".

Fahrradfahren mit Kopfhörern nicht verboten

Genaue Zahlen für ganz Hessen kann das Statistische Landesamt in Wiesbaden nicht liefern, "weil solche Unfälle nicht in das Unfallursachenverzeichnis aufgenommen werden", erklärte ein Sprecher.

Dabei ist das Musikhören über Kopfhörer während des Radfahrens nicht verboten. Die Straßenverkehrsordnung gibt keine konkrete Dezibel-Obergrenze vor. Im Regelwerk heißt es lediglich, dass das Hörvermögen nicht abgelenkt sein darf. Diese Vorschrift gilt somit auch für Autofahrer, denen bei zu lautem Musikgenuss ein Bußgeld droht. Nicht aber Fußgängern, obwohl sie im juristischen Sinne ebenfalls als Verkehrsteilnehmer gelten.

Schon leise Musik verlangsamt Reaktionszeit

Diverse Studien zeigen: Schon das Hören leiser Kopfhörer-Musik birgt Gefahren. Das Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) hat herausgefunden, dass sich die Reaktionen unter Musikbeschallung deutlich verlangsamen. Bei dem Test wurden etwa vorbeifahrende Autos von den Probanden nicht schnell genug wahrgenommen.

Trotz der Gefahren sind immer mehr Menschen mit Kopfhörern unterwegs. Gerade bei jungen Radfahrern ist das Phänomen weit verbreitet. Laut einer Umfrage des Frankfurter Marktforschungsinstituts Ipsos radelt fast jede zweite Person bis zu einem Alter von 34 Jahren regelmäßig oder hin und wieder mit Knopf im Ohr. Unter jungen Fußgängern liegt der Anteil der Kopfhörerträger sogar deutlich über 50 Prozent. Zwei Drittel der Unfälle mit Stöpseln im Ohr oder Kopfhörern passieren Jugendlichen, fast 90 Prozent davon im städtischen Bereich.

"Verbot nur bei Kontrolle sinnvoll"

Auch wenn das Unfallrisiko mit Kopfhörern im Straßenverkehr massiv steigt - ein Kopfhörerverbot ist umstritten. "Wir sind nicht der Meinung, dass der Gesetzgeber gefordert ist, hier unbedingt etwas zu machen. Der Problemdruck ist auch nicht so groß, dass wir den allergrößten Handlungsdruck sehen", erklärte Bertram Giebeler, der verkehrspolitische Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Frankfurt, dem hr.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) steht einem Verbot, das vom Bund beschlossen werden müsste, ebenfalls skeptisch gegenüber. "Ein Verbot macht ja nur Sinn, wenn es entsprechend kontrolliert wird", sagte ein DVR-Sprecher hessenschau.de. Der Verkehrssicherheitsrat setzt eher auf Präventionsarbeit statt auf strikte Reglementierung. "Man muss möglichst früh in der Schule oder auch in Ausbildungsbetrieben auf diese große Gefahr hinweisen. Man kann nur appellieren, im Straßenverkehr keine Kopfhörer und Handys zu benutzen."

Bodenampeln gegen "Smombies"

Im Kampf gegen Musik hörende Radler und sogenannte "Smombies" - also jene Personen, die auf ihr Smartphone starrend durch die Straßen laufen - kommt zunehmend auch Technik zum Einsatz. Einige Städte in Deutschland haben sogenannte Bodenampeln installiert, um permanent auf ihr Handy starrenden Fußgänger per Warnsignal an Kreuzungen und Bahnübergängen zu warnen.

Auch in Frankfurt gibt es eine solche Bodenampel - bislang aber nur an der U-Bahn-Stadion "Am Lindenbaum". Nähert sich eine Bahn, blinken am Boden rote Warnlichter. Die Anlage wurde nach Angaben der zuständigen Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) 2010 als Testbetrieb gestartet - offenbar mit mäßigem Erfolg.

"Es hat sich herausgestellt, dass andere Maßnahmen wesentlich besser greifen", sagte eine VGF-Sprecherin hessenschau.de. Dazu zählten Doppelrot-Ampeln an den Bahnübergängen, Bodenflächen in der Signalfarbe gelb sowie Zickzack-Gitter vor den Haltestellen. "Am Lindenbaum" gibt es all diese Maßnahmen. Auch andere Stationen in Frankfurt sollen "in Zukunft" auf diese Weise noch sicherer gemacht werden, sagte die VGF-Sprecherin.

Ihre Kommentare Sind Sie für ein Handy- und Kopfhörerverbot im Straßenverkehr?

20 Kommentare

  • Ein Verbot für Kopfhörer für Fußgänger? Absoluter Schwachsinn. Ein "Ja" würde bedeuten, dass auch keiner, der in irgendeinem Dorf wohnt, bei einem entspannten Spaziergang oder dem Gang zum Briefkasten Musik oder einen Podcast hören darf.
    Vielleicht sollte hier mal differenziert werden zwischen einem normalen Musikgenuss und sich die Ohren zudröhnen. Es ist doch für den Großteil der Autofahrer auch normal, direkt nach dem losfahren das Radio anzumachen und unterwegs den Sender zu wechseln. Soll das auch verboten werden? Da behauptet doch auch keiner, dass jedem, der Radio hört, seine Umwelt egal ist und er aufgrund der Lautstärke nichts mehr mitbekommt. Als Fußgänger oder Radfahrer werde ich durch aggressive Musik nicht angeheizt, mal eben etwas mehr aufs Gas zu drücken und stelle dadurch keine erhöhte Gefahr für andere dar.
    Desweiteren ist das Hören zu lauter Musik bereits verboten..."Im Regelwerk heißt es lediglich, dass das Hörvermögen nicht abgelenkt sein darf. "

  • Nein, jeder ist für sich selbst verantwortlich. Etwas anderes, wenn jemandem durch sein Handy-Gegaffe andere schädigt. Dann sollten die Strafen drastisch ausfallen.
    Mitleid habe ich mit diesen "abnormalen" Menschen nicht, wer gerne unter einer U-Bahn oder unter einem Bus liegen möchte, dem sei es gegönnt. Für geistlose Wichtigtuer und Handy-Poser habe ich persönlich null Verständnis. Ich bezweifele, daß diese angeblich faszinierenden Teile unentbehrlich sind. Für Informationsabruf werden sie eher nicht nicht genutzt, die Leute
    stellen nach wie vor die dümmsten Fragen.
    Wenn Leute, nach einem Unfall, ohne Beine im Rollstuhl unterwegs sein müssen, wird auch ihnen klar, was sie riskiert und verloren haben. Mit Mitleid kann ich aber nicht dienen.
    Die meisten Leute nutzen das Handy zum Ausgleich anderer persönlicher Defizite.

  • Die Kommentare die hier Verbote fordern finde ich unfassbar. Das Leben ist eben immer ein Risiko. Ich kann genauso von Kopfhörern auf dem Rad abgelenkt sein, wie durch Eisessen beim laufen oder Frauen/Männern nachschauen beim Autofahren. Es gibt hier keine absolute Sicherheit. Den Verbotsforderern werden immer neue Problemthemen auffallen. Es ist ok, gewisse Regeln bei motorisierten Verkehrsteilnehmern zu haben, weil Sie ggf. aktiv andere Personen gefährden. Bei allem anderen sollte der Menschenverstand im Vordergrund stehen. Und natürlich ist es für den betroffenen Bahnführer oder Autofahrer, der den Smombie umfährt eine Katastrophe, aber ich werde eben nie alles verhindern können - oder fordert hier vielleicht auch jemand eine "Leinenpflicht" für Kinder bis 10?

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