Der Vorstand der AfD Hessen
Im Umfragehoch: Das Führungstrio der Hessen AfD mit (von links) Rolf Kahnt, Albrecht Glaser und Peter Münch nach seiner Wahl vergangenen Sommer. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Drittstärkste Kraft, 12 Prozent: Vor allem die Flüchtlingsfrage hat der AfD ihren aktuellen Umfrageerfolg in Hessen gebracht. Nach ihrem Rechtsruck scheint die Partei geschlossener als zuvor. Ihr Personal war schon für manche Affäre gut.

Ein Renner ist der Slogan "Unser Land, unsere Heimat. Du, mein Hessen" noch nicht geworden. Und dem Bekanntheitsgrad ihres Führungstrios sind die 12 Prozent, die die AfD laut Hessentrend derzeit zu drittstärksten Kraft des Landes machen, wohl auch nicht geschuldet. Wer von denen, die sie wählen wollen, kennt wohl Albrecht Glaser, Peter Münch und Rolf Kahnt?

Die drei gleichberechtigten Landesvorsitzenden, die bei der Alternative für Deutschland "Sprecher" heißen, haben dem bundesweiten Umfrageaufschwung ihrer Partei in der Zeit der Flüchtlings- und EU-Krise jedenfalls nicht im Weg gestanden. Und das ist viel in einem Landesverband, der lange statt dichten Grenzen, Abwehr des Islam und Euro-Ausstieg ein Hauptziel zu haben schien: die gnadenlose Selbstzerfleischung.

Richtungskampf

"Wir machen das mit ruhiger Hand und besonnen“, sagt Landesprecher Kahnt zum neuen Kurs der AfD-Spitze. Der pensionierte Studienrat aus Bensheim beschreibt damit die Ruhe nach etlichen Schlammschlachten und Vorsitzenden-Rücktritten.

Mal nahm ein Parteichef wegen eines falschen Doktor- und Ehren-Professor-Titels den Hut, mal kam ein Chef auf einem Chaos-Parteitag mit Rücktritt der Abwahl zuvor. Ein Sturm brachte dann vergangenen Sommer Kahnt, Münch und Glaser an die Macht: als nationalkonservative Sieger im Richtungskampf gegen die Befürworter der liberaleren Ausrichtung von Ex-AfD-Bundeschef Bernd Lucke.

Dass es so ruhig wie jetzt bleibt, ist trotz des Stimmungshochs nicht ausgemacht. Das aktuelle Spitzenpersonal hat schon in der Vergangenheit ex- und intern mehr als einmal für Unruhe gesorgt. Meist ging es um die Gretchenfrage der AfD: Wie grenzen sich die Rechtspopulisten in Hessen von ganz rechts ab?

Der Ex-Republikaner

Bei einer Großdemo in Thüringen, auf Youtube nachzuvollziehen, nahm sich der Bad Homburger Rechtsanwalt Peter Münch im Herbst erst die Willkommenskultur als "ungeregelten Übergang ins Chaos" vor. Von Rufen wie "Lügenpresse" bestärkt, schimpfte der Ko-Landeschef dann: "Die AfD weist auch in Hessen auf die Fehler der Politik hin. Aber wir werden dort systematisch verschwiegen.“

Weil er laut damaliger Parteiführung selbst Wesentliches verschwiegen hatte, war Ex-CDU-Mann Münch in der Lucke-AfD untragbar geworden: Er war mehrere Jahre Mitglied der rechtsextremen Republikaner - auch noch, als die Partei schon vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Fraktionschef der Republikaner in Bad Homburg war er, ihr Landeschef wollte er werden. Münch verlor wegen der Affäre seinen AfD-Sprecherposten, jetzt ist er wieder oben auf.

Der "Spiritus Rector"

Als Vizechef der AfD im Bund ist Ko-Landeschef Albrecht Glaser der nominell wichtigste hessische AfD-Politiker. Er steht in der Berliner Zentrale allerdings im Schatten von Parteichefin Frauke Petry und Vizechef Alexander Gauland, der einst als CDU-Mann Chef der hessischen Staatskanzlei war.

Glaser, der nicht zuletzt durch radikale Islam-Ablehnung auffällt, kommt ebenfalls von der CDU. Ihn brachten als Kämmerer im Frankfurter Magistrat verlustreiche Geldanlagen in die Negativ-Schlagzeilen. Sein Intimfeind Lucke machte ihn als "Spiritus Rector“ für die Intrigen im Landesverband verantwortlich.

Der Ausgeschlossene

Mit einer "Schlussstrich“-Rede und Gedankenspielen über Juden als "Tätervolk" handelte sich Martin Hohmann als Bundestagsabgeordneter 2003 den Vorwurf des Antisemitismus und in der Folge den Ausschluss aus der CDU ein. Hohmann bedauerte die Wirkung der Rede, fühlt sich aber zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Martin Hohmann 2004 in Neuhof (Fulda)
Martin Hohmann 2004 in Neuhof (Fulda) Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Bei der Kommunalwahl tritt der 67-Jährige aus Fulda nun für die AfD im Landkreis an. Sein Motto: "Gott, Familie, Vaterland“.

Der "Vordenker"-Förderer

Bei der Frage, wie weit rechts die AfD steht oder noch rücken könnte, schauen Fachleute auch auf Männer wie Andreas Lichert. Er sitzt im Vorstand der Landespartei, ihres Wetterauer-Kreisverbandes und in der Leitung des "Vereins für Staatspolitik". Der Verein ist eng mit dem "Institut für Staatspolitik" verbunden.

Diese Institut sieht sich als Denkfabrik der "Neuen Rechten" mit deren heiklen Berührungspunkten zur "identitären Bewegung", die Europas Völker durch eine Verschwörung von Eliten bedroht sieht. Der Verfassungsschutz hat die Bewegung im Visier. Laut AfD-Parteiführung sind Kooperationen mit Organisationen tabu, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Neue Gefechte

Wie fragil die hessische AfD-Ruhe noch ist, hat vor kurzem ein aufgeflammtes Richtungs-Scharmützel offenbart. Unter anderem in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, warnte AfD-Mitgründer und Ex-Bundeschef Konrad Adam vor einem weiteren Rechtsruck seiner Partei in der Flüchtlingskrise, obwohl er selbst als nationalkonservativ gilt.

Anlass war das Fischen von Thüringens AfD-Fraktionschef Björn Höcke, dem einstigen Gymnasiallehrer im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf, am äußersten rechten Rand. Der AfD-Kreisverband Hochtaunus nahm die Debatte auf: Er antwortete dem früheren FAZ-Redakteur Adam mit einer Abmahnung und drohte indirekt mit Parteiausschluss.

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Mitgliederverluste fast wettgemacht

Hessen war von Beginn an AfD-Hochburg. Hier hatte die Bundespartei 2013 ihre erste öffentliche Versammlung, mit 1.000 Anhängern in Oberursel. Nach der Abspaltung der liberaleren Strömung um Ex-Chef Bernd Lucke vergangenen Sommer "gab es Mitgliederverluste, die wir so nicht erwartet haben", sagt Landesprecher Rolf Kahnt. Von gut 2.000 schrumpfte die AfD Hessen nach eigenen Angaben auf 1.600 Mitglieder. Inzwischen sei der Andrang durch die Flüchtlingskrise enorm, die alte Stärke mit 1.900 Mitgliedern fast erreicht. Auch diejenigen Kreisverbände, die auseinanderbrachen, wurden "rekonstruiert". Zugänge gebe es inzwischen auch wieder von ehemaligen Anhängern Luckes, der die Nachfolgepartei "Allianz für Fortschritt und Aufbruch" (Alfa) anführt.

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