Keven S. im defacto-Interview
Keven S. im defacto-Interview Bild © Selina Rust

Der Ex-Neonazi Kevin S. soll im NSU-Untersuchungsausschuss aussagen. Große Erkenntnisse sind nicht zu erwarten, aber inzwischen zeigt sich der früher berüchtigte Rechtsextreme als geläuterter Aussteiger.

Als Jugendlicher war Kevin S. ein Star der rechtsextremen Szene in Hessen. In Butzbach (Wetterau) drehte er Videos mit Titeln wie "Deutscher, du bist im Krieg" und in Nordhessen verletze er im Sommer 2008 bei einem Angriff auf ein Zeltlager der Linksjugend eine schlafende 13-Jährige schwer.

Kevin S. wird im NSU-Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag aussagen und glaubt man seinen Worten im Gespräch mit dem hr-Magazin defacto, dann werden die Abgeordneten dort einen ganz anderen Menschen erleben. Denn aus dem Posterboy der Neonazis ist offenbar ein Aussteiger geworden. Der 26-Jährige studiert inzwischen. Er möchte Ingenieur werden.

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Zeugenvernehmung verschoben

Die ursprünglich für Freitag, 18. März, geplante Zeugenvernehmung ist auf den 15. April verschoben worden.

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"Ich bin ganz klar ausgestiegen. Ich will mit den Leuten nichts mehr zu tun haben, nichts mehr mit der Ideologie und allem, was dazu gehört", präsentiert sich Kevin S. im ersten Interview seit mehr als acht Jahren gewandelt. Über zwei Jahre saß er nach dem Angriff im Gefängnis, dort habe er viel Zeit gehabt, über seine Ideologie und seine Tat nachzudenken. Das sei für ihn der Auslöser gewesen, zu sagen: Raus aus Szene, bekräftigt er.

Die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein

Anders als andere Aussteiger hat Kevin S. das nie publik gemacht. Er hoffte, die Öffentlichkeit werde ihn und seine Tat vergessen. Doch so einfach ist das nicht. Auch fünf Jahre nach der Haft wird er immer wieder erkannt, muss sich erklären. Bei Arbeitgebern, Bekannten, Vermietern.

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Auch halten sich hartnäckig Gerüchte, er stecke noch in der Szene und treffe alte Neonazi-Kumpels. "Das stimmt nicht", sagt Kevin S. Zu einem einzigen Freund von damals habe er ab und zu noch Kontakt. Ob der noch in der Szene sei, wisse er nicht. Man rede nicht über Politik. "Ich habe mich für all das geschämt, ich schäme mich auch heute noch. Und ich möchte das alles nicht aufarbeiten, in dem ich mit irgendwelchen Leuten von damals Gespräche darüber führe."

"Sie sollte das erfahren"

Doch bald wird Kevin S. über Politik reden müssen - in Wiesbaden, als Zeuge im NSU-Untersuchungsausschuss. Dort soll er vor allem zu seinen damaligen Verbindungen nach Thüringen und zu Ralf Wohlleben aussagen. Der ehemalige NPD-Politiker ist einer der Hauptangeklagten im Münchner NSU-Prozess. Viel Hoffnung auf Aufklärung sollten sich die Abgeordneten aber nicht machen: "Ich hatte mit Wohlleben nie so viel zu tun, dass ich irgendwas über die NSU berichten könnte", sagt Kevin S.

Nichts berichten, so würde es der Student am liebsten auch bei sich halten: Er will ein normales Leben führen, muss nach dem Studium seine Schulden zurückzahlen. Anwaltskosten, Gerichtskosten, Schadenersatz, Schmerzensgeld - all das wartet auf ihn. Und die Vergangenheit, die ihn dann doch immer wieder einholt: So wie vor ein paar Wochen, als er Sophie-Lina Scheuch-Paschkewitz im Fernsehen gesehen hat – das Mädchen, das er 2008 schwer verletzt hat. Sie sagte in der hessenschau, sie habe gehört, er sei nach wie vor ein Rechtsextremer. "Es ist schrecklich, dass gerade sie das denkt, dass ich immer noch in der Szene bin. Das ist, glaub ich, die wichtigste Person, die erfahren sollte, dass ich da raus bin", sagte Kevin S. dazu.

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