Grünen-Fraktionsgeschäftsführerin Dorn, sexistische Werbung, FDP-Chef Lindner
Grünen-Fraktionsgeschäftsführerin Dorn, sexistische Werbung, FDP-Chef Lindner Bild © Imago (2), twitter.com/Angela_Dorn

Ist ein Verbot sexualisierter Werbung spießig? Das hat FDP-Bundeschef Christian Lindner gesagt. Nun fordert ihn Grünen-Abgeordnete Angela Dorn zu einem Foto in vertauschten Rollen auf. Warum, erklärt sie im Interview.

In der Debatte um ein Verbot sexistischer Werbung stellt die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Landtag, Angela Dorn, FDP-Bundeschef Christian Lindner auf die Probe: Würde er sich so fotografieren lassen, wie die Frauen auf jenen Bildern, deren Verbot er "spießig" fände? Lindner hatte zuvor Pläne von Bundesjustizmininister Heiko Maas (SPD) für das Sexismus-Verbot als "an Spießigkeit wirklich kaum zu überbieten" bezeichnet.

Die Pläne von @HeikoMaas zum Verbot sexualisierter #Werbung sind an Spießigkeit wirklich kaum zu überbieten....CL #Werbeverbot

hessenschau.de: Frau Dorn, Sie haben FDP-Chef Christian Lindner auf Twitter eingeladen, sich mit Ihnen fotografieren zu lassen: Sie über ihm in Macho-Pose, er liegend und fast nackt. Warum denn das?

Dorn: Es geht mir darum, Herrn Lindner zu sagen: Wechseln Sie doch mal die Perspektive! Sie finden, es sei "spießig", Sexismus in der Werbung anzuprangern. Dann versetzen Sie sich doch mal in die andere Rolle: Wie wäre es, wenn Sie in dieser Wodka-Werbung unten liegen und einfach nur zu einem Sexobjekt degradiert werden würden? Es geht doch nicht darum, dass man keine Nackten mehr darstellen soll. Es geht um Diskriminierung.

hessenschau.de: Würden Sie ein gesetzliches Verbot sexistischer Werbung unterstützen?

Dorn: Ich glaube, dass es schon Möglichkeiten gibt, die aber nicht genutzt werden. Im öffentlichen Raum kann eine Stadt entscheiden, welche Regeln auf ihren eigenen Flächen gelten. Auch Zeitungen können Kriterien aufstellen, welche Anzeigen sie annehmen und welche nicht. Juristisch ist es sicher nicht einfach, im Einzelfall zwischen Sexismus und bloßer Nacktheit zu unterscheiden. Und mir ist schon wichtig, dass man echte Lösungen schafft.

Ich schlage vor @c_lindner , dass wir so ein Bild machen, nur in verkehrten Rollen. Oder sind sie dafür zu #spießig ?

hessenschau.de: FDP-Chef Lindner sagt, die Leute sollten einfach Produkte nicht mehr kaufen, wenn ihnen die Werbung nicht gefällt.

Dorn: Es wäre schön, wenn es so einfach funktionieren würde. Und ich glaube durchaus an die Macht des Verbrauchers. Aber man sieht ja, dass Sexismus in der Werbung immer noch alltäglich ist und nach meinem Empfinden auch zunimmt. Werbung arbeitet damit, beiläufig Stimmung für ein Produkt zu erzeugen. So subtil wirken auch die Rollenbilder, die da gezeigt werden.

hessenschau.de: Wo ist denn die Grenze zwischen sexy Werbung und sexistischer Werbung?

Dorn: Das ist die große Frage! Das muss man sich genau anschauen. Ich habe in meinen Tweets Beispiele gezeigt, wo Frauen in einer unterwürfigen Position sind. Ich finde übrigens, dass hier auch die Männer in eine sexistische Position gepresst werden. Ich glaube nicht, dass Männer so dargestellt werden wollen, dass einer eine Frau festhält und die anderen stark daneben stehen wie in dem Beispiel aus der Modewerbung, das ich getwittert habe. Das sind für beide Geschlechter diskriminierende Rollen.

zu verhindern, dass Frauen weiter in solch unterwürfigen Posen gezeigt werden, ist #spießig @c_lindner ? @HeikoMaas

hessenschau.de: Rechtlich wird das aber schwer zu fassen sein.

Dorn: Ja, das juristisch festzulegen, halte ich auch für schwer. Da habe ich keine klare Antwort. Die habe ich aber auf die pseudo-liberalen Sprüche von Herrn Lindner. Die erinnern mich an dessen Parteifreund Rainer Brüderle, der einer Journalistin gesagt hat, dass sie ein Dirndl gut ausfüllen kann. Das ist noch nicht lange her. Wenn man jetzt Lindner hört, muss man sich schon mal fragen, ob die FDP daraus denn gar nichts gelernt hat? Ist Alltagssexismus in der FDP akzeptiert und will sie, dass das gesellschaftlicher Alltag ist?

hessenschau.de: Haben Sie schon eine Rückmeldung von Christian Lindner?

Dorn: Nein, er hat sich nicht gemeldet. Anscheinend drückt er sich vor dieser Frage.

hessenschau.de: Könnte der FDP-Fraktionschef im Landtag, Florian Rentsch, einspringen?

Dorn: (lacht) Wenn er der Meinung ist, dass Herr Lindner recht hat, gerne. Aber dann bitte auch genau in der Art und Weise. Alle, die meinen, dass diese Form der Werbung okay ist und alles andere spießig finden, müssen aus meiner Sicht dann auch bereit sein, selbst in diese Rolle zu schlüpfen.

Ihre Kommentare Ist ein Verbot sexualisierter Werbung spießig?

54 Kommentare

  • Ein Verbot sexistischer Werbung ist nicht spießig, sondern absolut notwendig.

    Zur Beurteilung von Werbeplakaten, -Filmen etc. sollte eine Kommission von 2/3 Frauen und 1/3 Männern, darunter auch Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen, aus verschiedenen Berufen und in verschiedenen Lebensweisen - vor allem auch solche, die mit Kindern leben oder arbeiten, eingesetzt werden.

    Kinder werden von Werbung besonders stark beeinflusst und nehmen es als selbstverständlich wahr, wenn Männer in gewalttätigen, Frauen erniedrigenden Posen dargestellt werden.

    Ich will in einer Welt leben, in der Frauen, Männer, Kinder und alle Menschen in ihrer Würde anerkannt und frei leben können. Dafür muss sexistische Werbung verboten und die Gleichwertigkeit aller Menschen stärkende Werbung gefördert werden.

  • Nein, finde ich nicht. Vor allem nicht, wenn in zahlreichen Foren, auf Facebook, in den Medien und an anderen Orten die Übergriffe in der Silvesternacht immer wieder thematisiert werden und dabei sehr oft auf den (sinngemäß) "anderen kulturellen Hintergrund der Täter hingewiesen wird", der Frauen in deren Augen wertloser mache. Wenn ich mir einige Werbebilder so anschaue, kann ich diesen Argumenten nicht ganz folgen. Ich denke, es sollte eine erhöhte Sensibilität herrschen, um Doppelmoral vorzubeugen. Sonst entsteht leicht der Eindruck, dass Vergewaltigung wenn dann doch bitte deutsch bleiben müsse, wie es in Satiriker im Januar ausdrückte. Wer nun ruft "Boah, immer diese Emanzen!", der sollte sich vielleicht fragen, wie er es fände, zu einem Sexobjekt gemacht zu werden. (Kleine Ergänzung dazu: Und zwar in einer Situation, in der er absolut keinen Bock auf Sex hat.)

  • Das hat sie gut gemacht. Denn die Beispiele, die sie zeigt, sind ja echt ekelhaft - Dolce und Gabana zeigt etwas, was in Zeiten von Vergewaltigung als Kriegswaffe wirklich saudumm ist. Es outet die Blödheit und den Stumpfsinn der Macher, aber auch der Gesellschaft, in der es sowas geben kann. In der Hamburger Morgenpost sind immer Werbungen von Nutten, da ist immer viel nackte Frauenhaut zu sehen, nie nackte Männer. Ein Umdrehen - Männer in gleichen (wirklich dummen ) Posen wäre sehr erhellend. Mitgefühl auf allen Ebenen zählt eben nicht zu den Stärken vieler Politiker.

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