Rathaus Wölfersheim
Bald ohne NPD-Vertreter: das Rathaus in Wölfersheim. (Archivbild) Bild © Carsten Bonarius/Gemeinde Wölfersheim

Lange erzielte die NPD in Wölfersheim Rekordergebnisse, seit 34 Jahren sitzt sie im Gemeindeparlament. Nun geben die Rechtsextremen in ihrer Hochburg auf. Der Bürgermeister sieht sich in seiner Strategie bestätigt.

Als am Montag um 18 Uhr die Frist für Vorschläge zur Kommunalwahl abgelaufen war, schaute ein Mitarbeiter des Rathauses noch einmal in alle Briefkästen. Dann stand fest: Die NPD hat in ihrer früheren Hochburg Wölfersheim (Wetterau) keine Liste für die Wahl im März 2016 eingereicht.

"Nun ist der braune Spuk in unserem Parlament endlich vorüber", sagt Bürgermeister Rouven Kötter (SPD) am Dienstag. Seit über 30 Jahren haftet dem Ort 40 Kilometer nördlich von Frankfurt der Ruf eines braunen Nestes an. Seit 1981 sitzt die NPD durchgehend in der Gemeindevertretung. Bei der Kommunalwahl 1997 machten 22,7 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei ihr.

"Keinen Millimeter Platz für die NPD"

Kötter, acht Jahre im Amt, sieht im NPD-Rückzug den Erfolg konsequenten Auftretens. "Wir haben in vielen Gesprächen dafür gesorgt, dass die keinen Millimeter Platz finden", sagt der 36-Jährige. Gab ein Wirt der NPD Platz, schaute Kötter vorbei und sagte: So lange das so ist, komme ich nicht mehr. Am Ende fand die NPD keine Räume in der 10.000-Einwohner-Gemeinde.

Unfassbar! Eine politische Vision wird Wirklichkeit: Wölfersheim? #nazifrei ! NPD tritt nicht zur Kommunalwahl an.

Über die Zeit halfen viele, zum Beispiel die "Wölfersheimer Bürger gegen Extremismus". Andreas Balser vom Verein Antifaschistische Bildungsinitiative aus der Wetterau lobt: "Die Stadt hat die letzten 20 Jahre starke Arbeit gegen die Nazis gemacht". Zuletzt übten SPD, CDU, Grüne und Freie Wähler mit einer gemeinsamen Erklärung zu Flüchtlingsfragen den Schulterschluss.

Bürgerlich getarnter Rechtsextremismus

Nicht immer hatte es hier eine so klare Kante gegeben, wie Kötter seine Strategie umschreibt. In zwei langen Reportagen zeichnete die Zeit 1985 und 1989 das Psychogramm eines biederen Ortes, der einem bürgerlich getarnten Rechtsextremismus gleichgültig bis hilflos begegnet.

Hessens Verfassungsschutz stellte 2001 fest, die NPD-Erfolge auch in Wölfersheim seien "Ausfluss des regionalen Bekanntheitsgrades einzelner Parteifunktionäre und ihres festen sozialen Eingebundenseins in die jeweilige Ortskultur." Der lokale NPD-Vertreter galt vielen als ganz in Ordnung.

Ein Irrtum, wie der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr warnte: "Die NPD ist, zumindest in weiten Teilen, eine neonazistische Partei. Sie verfolgt Ziele, die sich von denen der gewaltorientierten rechtsextremistischen Straßenkämpfer – wenn überhaupt – nur in Details unterscheiden."

Zuletzt sanken die NPD-Wahlergebnisse

Volker Sachs, das Gesicht der NPD in Wölfersheim, arbeitete einst beim örtlichen Braunkohlekraftwerk, dessen Niedergang Ende der 1980er Jahre als ein Grund für den NPD-Aufschwung galt. Ansonsten gibt es kaum Probleme in der Gemeinde, in der mit einer satten Mehrheit von 60 Prozent die SPD den Ton angibt. Die Zahl der Jobs wächst, der Etat ist ausgeglichen.

Dies ist wohl auch ein Grund neben der Zermürbungstaktik des Nazi-Gegner, dass der Zuspruch für die NPD schließlich schrumpfte: 2006 kam sie bei der Kommunalwahl auf 10,4 Prozent, 2011 dann auf 5,7 Prozent. Nun fanden sich offenbar nicht genügend Bewerber für eine aussichtsreiche Liste der Partei, über deren Verbot das Bundesverfassungsgericht 2016 verhandelt. Sachs war am Dienstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

"Vom braunen Nest zum roten Wunder"

Bürgermeister Kötter will weiter daran arbeiten, das Image der Gemeinde als braunes Nest auch überregional aus den Köpfen zu tilgen. Er sieht das so: "Wir sind vom braunen Nest zum roten Wirtschaftswunder geworden."

Das mit dem roten Wunder ist natürlich schon ein bisschen Kommunalwahlkampf. Einen Wahlkampf, den SPD, CDU, Grüne und Freie Wähler unter sich ausmachen werden - erstmals seit Jahrzehnten ohne NPD.

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