AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry im Oktober bei einer Pressekonferenz
AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry im Oktober bei einer Pressekonferenz Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

"Absolutes No-Go" oder "Beitrag zur Streitkultur"? Ein geplanter Vortrag von AfD-Bundeschefin Petry vor Unternehmern und Führungskräften in Frankfurt spaltet den Wirtschaftsclub Rhein-Main. Am Mittwoch gab es den ersten Rücktritt.

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Den "Austausch von Meinungen und Ideen" zählt der Wirtschaftsclub Rhein-Main e.V. mit seinen mehr als 700 Mitgliedern zu den zentralen Vereinszwecken. Deshalb lädt sich die einflussreiche Vereinigung von Unternehmern und Führungskräften seit ihrer Gründung 1950 gerne illustre Referenten ein. Bundeskanzler wie Helmut Kohl und Angela Merkel (beide CDU) waren schon da, auch internationale Gäste wie Frankreichs einstiger Präsident Valéry Giscard d'Estaing.

Im Jahr der Bundestagswahl ist die Gästeliste jetzt nach Meinung erzürnter Mitglieder um einen unzumutbaren Termin zu lang ausgefallen. Ein Mitglied des dem Vorstand zur Seite stehenden Beirats trat am Mittwoch aus Protest zurück.

"Deutschland im Wahljahr - Realität der demokratischen Debatte" heißt die umstrittene Veranstaltung am 23. März, zu der Club-Präsident Thomas Kremer kurzfristig eingeladen hat. Anstoß erregt nicht das Thema, sondern die Referentin: Frauke Petry, Bundesvorsitzende der AfD.

Sekt, Vorspeise, AfD

Sektempfang, "Seating" mit Vorspeise, Petry-Referat mit anschließender Diskussion, "dann Hauptspeise" - so sieht das abendliche Programm in der edlen Villa Bonn im Frankfurter Westend aus. Neben Petrys Porträt haben die Gestalter der Einladung ein Foto des Reichstags samt Nationalflagge gestellt.

Zum Vortrag der AfD-Chefin, die kritische Medien wiederholt als "Pinocchio-Presse" bezeichnet hat, heißt es unter anderem:  "Ein Referat, das die Entwicklung der Debattenkultur in Deutschland und in der Europäischen Union beleuchtet und in diesem Kontext Einblicke in das Zusammenspiel von Medien und Politik gibt."

Mehr als ein Wirtschaftsclub-Beiratsmitglied findet das unerträglich. Stefan Söhngen warf deshalb am Mittwochnachmittag die Brocken in dem Gremium hin: "Ich schätze die Arbeit unseres Präsidenten sehr. Aber das ist ein absolutes No-Go. Frau Petry hat den Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grund- und Werteordnung mehr als einmal bewusst verlassen."

Einladung Petry Wirtschaftsclub
Ausschnitt der Einladung zum Petry-Vortrag: Die AfD-Vorsitzende neben einem Foto des Reichstagsgebäudes. Bild © Wirtschaftsclub Rhein-Main

"Faschisten darf man kein Forum bieten"

Noch deutlichere Worte fand Beiratsmitglied Dorian Hartmuth. Von ihm erhielt unter anderem auch Hessens Ex-Justizminister Jörg Uwe Hahn als Beiratsvorsitzender und Befürworter des Petry-Auftritts eine Brand-Mail. Hahn und Hartmuth sind FDP-Parteikollegen.

Personalberater Hartmuth spricht in dieser Mail von "tiefer Enttäuschung" darüber, dass die AfD-Politikerin willkommen sei - trotzt der rechten Positionen, die sie habe. Und er zieht einen historischen Vergleich: "Dass man den Faschisten, gleich mit welchem Argument, nie ein Forum bieten darf", habe ihm sein Großvater Hans Hartmuth als Mitglied des deutschen Widerstands um Graf von Stauffenberg vermittelt.

In seiner Funktion als Vorsitzender des FDP-nahen Liberalen Mittelstands Hessen werde er selbst jedenfalls "diesen charakterlichen Lumpen immer sofort die Tür weisen", schreibt Hartmuth  Im Gespräch mit hessenschau.de legt er nach: Basis für Hitlers Erfolg sei ja auch die Akzeptanz durch die Bosse in Industrie- und Wirtschaft gewesen. "Hier sehe ich Parallelen."

Ex-Justizminister: "Verstehe Aufregung nicht"

"Ich verstehe die Aufregung nicht" sagte Beiratschef Hahn zu hessenschau.de. Es sei der Wille des Wirtschaftsclub-Vorstands gewesen, im Wahljahr "alle politischen Gruppierungen auftreten zu lassen". Unter anderem seien auch Abende mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour und der Linken-Fraktionschefin im hessischen Landtag, Janine Wissler, vorgesehen.

Wie Hahn bestreitet auch Club-Präsident Kremer, dass Petry eine bedenkliche Bühne geboten werde. Ursprünglich sei ein Streitgespräch mit zwei Akteuren vorgesehen gewesen, so wie beim Aufeinandertreffen von SPD-Landeschef Thorsten Schäfer-Gümbel und FDP-Bundeschef Christian Lindner am 19. Juni. Aber mögliche Kontrahenten der AfD-Vorsitzenden wie der CDU-Konservative Wolfgang Bosbach oder die Linke Wissler sagten ab.

Geschrei und heißes Eisen

Dass er nun in der Kritik steht, wundert den Kronberger Unternehmensberater Kremer nach eigenen Angaben nicht. "Mir war klar, dass wir damit ein heißes Eisen anpacken. Ein parteiunabhängiger, demokratischer Verein müsse sich aber auch Meinungen stellen, die zu Kontroversen führen, sagt der Präsident des Wirtschaftsclubs. Die Alternative für Deutschland, deren Auffassungen er nicht teile, sei schließlich nicht verboten. Und wegen der Einladung an die Linke habe es "ja auch kein Geschrei" gegeben.

Kremer nennt die umstrittene Einladung einen "Beitrag zur Streitkultur". Er fühlt sich dadurch bestätigt, dass für den Abend binnen eines Tages bereits die Hälfte der Plätze gebucht gewesen seien. "Es gab deutlich mehr Zustimmung als Kritik." Und wer sich an Petrys Meinungen reibe, "der soll eben kommen und das klar machen".

Genau das hat Jörg-Uwe Hahn vor. "Ich versuche, einen kommunalpolitischen Termin zu verschieben, damit ich ihr Paroli bieten kann. Ein Alleingang wird das für sie nicht", kündigt der FDP-Politiker an. Sein Partei- und Beiratskollege Hartmuth wird nicht dabei sein. Nicht, wenn jemand auftrete, "der unsere freiheitliche Verfassung ablehnt".

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