Mehr Hilfe für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer: Diese Botschaft nimmt der Landtagsabgeordnete Timon Gremmels (SPD) aus seinem Praktikum in der Flüchtlingsbetreuung mit. Mit hessenschau.de sprach er über seine Eindrücke und einen Moment, in dem Tränen flossen.

Timon Gremmels vor einer Klasse Flüchtlinge
Timon Gremmels vor einer Klasse Flüchtlinge Bild © Gremmels

Eine Woche hat der nordhessische Landtagsabgeordnete Timon Gremmels in der Flüchtlingsbetreuung des Kreises Kassel gearbeitet. Der 39-Jährige sitzt seit 2009 für die SPD im Landtag. Nun unterrichtete er Asylbewerber und sprach mit Flüchtlingen.

hessenschau.de: Herr Gremmels, Sie haben ein Praktikum in der Flüchtlingsbetreuung gemacht. Wie ist es dazu gekommen?

Gremmels: Ich mache jedes Jahr ein einwöchiges Praktikum bei einer sozialen Einrichtung, weil es wichtig ist, Politik nicht nur nach Aktenlage zu machen. Und es reicht auch nicht, nur für 45 Minuten einzuschweben.

hessenschau.de: Wo waren sie denn?

Gremmels: Ich war bei mir im Landkreis Kassel bei jenem Fachbereich, der sich um Asylfragen kümmert. Ich habe gesehen, wie Flüchtlinge untergebracht sind, habe mit Unterstützerkreisen gesprochen und habe eine Stunde Deutschunterricht gegeben, Thema waren Tages- und Uhrzeiten. Ich habe mir angeschaut, wie die Zuteilung läuft, wenn Flüchtlinge ankommen. Das alles hat mich auch danach noch sehr beschäftigt.

hessenschau.de: Was sehen Sie jetzt anderes?

Gremmels: Was ich erfahren habe, ist die große und nicht zu unterschätzende Arbeit der Unterstützerkreise. Wenn sich diese Menschen nicht ehrenamtlich engagieren würden, dann würde alles zusammenbrechen, glaube ich. Zu sehen, wie viele hundert Menschen sich da ehrenamtlich engagieren, war beeindruckend.

hessenschau.de: Wer von den Flüchtlingen bleiben darf und wer nicht, ist für Politiker sonst eher eine abstrakte Entscheidung. Nun haben Sie Menschen getroffen, die wohl wieder gehen müssen. Ist das dann etwas anderes?

Gremmels: Natürlich ist das schwierig, wenn man Menschen gegenübersitzt, von denen man weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie hier bleiben können, gering ist. Das trifft ja gerade Menschen vom Westbalkan. Hart ist das auch für die Unterstützerkreise, wenn es nach vier oder fünf Monaten heißt, dass jemand um den sie sich gekümmert haben nicht bleiben darf. Wenn die Staaten des Westbalkans zu sichern Herkunftsländern erklärt werden, müssen wir zeitgleich schauen, dass es für diese Menschen unter klar definierten Bedingungen eine legale Möglichkeit gibt, nach Deutschland zu kommen. Auch dafür brauchen wir ein Einwanderungsgesetz.

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„Wir müssen die Unterstützer stützen. Ich weiß nicht, was wir ohne diese Menschen machen würden.“ Zitat von Timon Gremmels über freiwillige Helfer
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hessenschau.de: Wussten die Flüchtlinge, dass Sie Politiker sind?

Gremmels: Ja, sie waren ganz neugierig, warum man da als Politiker kommt. Natürlich habe ich auch gefragt, wie sie nach Deutschland gekommen sind – da waren in der Tat viele, die über das Mittelmeer gekommen sind. Als ich in Vellmar in der Flüchtlingsunterkunft war, kam die Nachricht von dem Lkw, der vor Wien mit vielen Toten entdeckt worden war. Als wir den Menschen gesagt haben, was dort passiert ist, sind Tränen geflossen. Das war der beklemmendste Augenblick, weil ja viele der Flüchtlinge eine ähnliche Tortur hinter sich haben. Viele sind traumatisiert. Darum müssen wir uns auch kümmen. Da passiert noch zu wenig.

hessenschau.de: Hat das Praktikum für Ihre Politik Folgen?

Gremmels: Ich werde jetzt andere Erfahrungen und Hintergründe einbringen. Ich glaube, was wir tun müssen, ist, den Unterstützerkreisen mehr Rückhalt zu bieten. Wenn sich Ehrenamtliche einbringen, dürfen sie nicht zum Lückenbüßer werden. Wir müssen die Unterstützer stützen. Ich weiß nicht, was wir ohne diese Menschen machen würden.

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