Steinaus Bürgermeister Malte Jörg Uffeln und seine Buchwidmung
"Mein treuer Paladin!" Steinaus Bürgermeister Malte Jörg Uffeln und seine Widmung in einer Bormann-Biografie Bild © osthessennews/screenshot Facebook/Montage hessenschau.de

Der Bürgermeister in der Rolle des Führers? Eine Widmung in einem Buch über den Hitler-Sekretär Bormann holt Malte Jörg Uffeln in Steinau an der Straße ein. Am Anfang der Affäre stand ein Zerwürfnis im Rathaus.

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In Einzelteile zerlegt, könnte alles ganz harmlos sein. 20. April? Ist auch der Geburtstag der Journalistin Marietta Slomka. Treuer Paladin? Einst auch als dichterische Bezeichnung für sagenhafte Ritter Karls des Großen gebräuchlich. Und "mF"? Könnte kurz für "mein Freund" stehen. Allerdings spricht doch einiges dafür, dass Malte Jörg Uffeln anderes durch den Kopf ging, als er aus Teilen wie diesen eine Widmung für ein Buch-Geschenk bastelte. Und so steht der parteilose Bürgermeister von Steinau an der Straße (Main-Kinzig) jetzt arg unter Druck.

Er muss sich des Verdachts erwehren, mit wenigen Zeilen ein unwürdiges rechtes Reichskanzlei-Rollenspiel abgezogen zu haben. In der Hauptrolle: Der 53 Jahre alte Uffeln selbst als Führer. Das Buch "Der Sekretär", das der Bürgermeister samt Zueignung nach eigenen Aussagen seinem einst engsten Mitarbeiter im Rathaus schenkte, handelt vom Hitler-Vertrauten und NS-Kriegsverbrecher Martin Bormann.

Bürgermeister: "Keine braune Gesinnung"

Autor und Inhalt der Bormann-Biografie sind unschuldig an der Aufregung. Auf Facebook aber ist Uffelns handgeschriebene Widmung in dem Buch jetzt öffentlich geworden. Sie lautet: "Mein Sekretär! Ihnen, meinem treuen Paladin, in dankbarer Verbundenheit." Es folgt die Unterschrift des Bürgermeisters, dazu ein "m F" und als Datum der 20.04.2015.

Widmung Facebook Steinau
Die Veröffentlichung der Widmung auf Facebook bringt den Bürgermeister unter Druck. Bild © hr

Treuer Paladin? Das war Hitlers Bezeichnung für seinen offiziellen Stellvertreter Hermann Göring. Die Abkürzung "m F"? Ergäbe auch "mein Führer". 20.04.? War Hitlers Geburtstag, als "Führergeburtstag“ einst mit Flaggenpflicht begangen.

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Hitlers Sekretär

Martin Bormann war eine der einflussreichsten Nazi-Größen. Im Rang eines Reichsministers trug er seit 1943 den Titel "Sekretär des Führers", war Leiter der NSDAP-Reichskanzlei. Als faktisch mächtigster Mann hinter Hitler hatte er auch bei der Vernichtung der Juden eine maßgebliche Rolle inne. Als Hitler kurz vor seinem Suizid im Führerbunker Eva Braun heiratete, war Bormann Trauzeuge. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Nach dem Fund eines Skeletts 1972 in Berlin wurde 1998 festgestellt: Es waren die Überreste Bormanns. Er hatte sich bei Kriegsende im Mai 1945 umgebracht.

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Den kompromittierenden Eintrag bestreitet Steinaus Bürgermeister nicht. Wie schon am Abend zuvor in einer kurzen Erklärung vor der Stadtverordnetenversammlung beteuerte er auch am Mittwoch gegenüber dem hr: "Es war ein großer Fehler. Aber ich habe definitiv keine braune Gesinnung. Das weise ich entschieden von mir." Außerdem legt Uffeln Wert darauf, dass es sich um kein Dienstvergehen handele, sondern um "Angelegenheiten in der Privatsphäre".

Uffeln-Gegner: "Unentschuldbar"

Die meisten im Parlament des 11.000-Einwohner-Fachwerkstädtchens, in der die Brüder Grimm einst einige Kindheitsjahre verbrachten, sehen das anders. In der Sitzung, die gerade mal eine Viertelstunde dauerte, lautete der mehrheitliche Beschluss: Das geht zu weit. Die Kommunalaufsicht soll auf Antrag der Stadtverordneten prüfen, ob der Bürgermeister mit der Widmung ein Dienstvergehen begangen hat – und ob er noch tragbar ist.

Ihre Schlüsse hat SPD-Fraktionschefin Sonja Senzel längst gezogen. "Wir wünschen uns, dass Bürgermeister Uffeln selbst erkennt, dass er einen nicht entschuldbaren Fehler begangen hat, selbst seine Konsequenzen zieht und zurücktritt." Ludwig Bathon von der Fraktion "Bürger gestalten mit" kann ausreichendes Problembewusstsein beim Bürgermeister aber nicht erkennen. "Er ist der Täter. Aber er versucht, sich jetzt in der Rolle des Opfers zu präsentieren", sagt der Kommunalpolitiker.

Vertrauen, Zwist, Facebook

Der erst seit Sommer 2014 amtierende Bürgermeister sieht sich einer Kampagne ausgesetzt, die nicht erst mit der jüngsten Facebook-Veröffentlichung begann. Mit dem Chef des Hauptamtes, der Buch und Widmung erhielt, habe er zu Beginn seiner Amtszeit sehr eng zusammengearbeitet. Jetzt sind beide verkracht, der leitende Mitarbeiter ist schon länger krankgeschrieben, wie osthessennews.de berichtet.

Hinter der Veröffentlichung der Widmung vermutet Uffeln aber eben mehr als einen privaten Racheakt: Er sei über diesen Zwist hinaus als Bürgermeister wohl mit seiner offenen, transparenten Art zu oft angeeckt und solle nun demontiert werden. Schon vor zwei Wochen seien private Details über ihn via Facebook in die Öffentlichkeit getragen worden - wie im Falle der Widmung von einem Fake-Account aus, wie der Bürgermeister glaubt.

Termin mit Gysi

Eine überregionale Welle der Entrüstung hat der 53-Jährige schon einmal ausgelöst: unter Pokémon-Go-Spielern. Vergangenen August hatte er in der Hochphase des Hypes um das Smartphone-Spiel ankündigt, die Brüder-Grimm-Stadt Steinau werde Spieler wegen der Ruhestörung künftig verjagen. Jetzt aber geht es um den blutigen Ernst der deutschen Vergangenheit. Uffeln selbst sagt, er habe schon vor dem Stadtparlamentsbeschluss von sich aus die Kommunalaufsicht eingeschaltet, damit alles geklärt werde.

Über einen möglichen Rücktritt spricht er nicht. Allenfalls über einen medialen Rückzug. In Zukunft will er auf Facebook nicht mehr kommunizieren. Er habe nun gelernt, "dass man mein Maß an Offenheit und Transparenz nicht will". Unter Verdacht geraten, ein Rechter zu sein, hat Uffeln auf seiner privaten Facebookseite aber doch noch ein Foto gepostet. Es zeigt ihn an der Seite von Linken-Promi Gregor Gysi.

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