Sensbachtal
Im Rathaus Sensbachtal haben Parteien traditionell nichts zu melden. Bild © picture-alliance/dpa

Ein Hauch von Sozialismus im Odenwald: In Sensbachtal tritt bei den Kommunalwahlen nur eine freie Wählergemeinschaft an. Der Bürgermeister findet, das fördere die Debattenkultur. In zwei Wochen wird dennoch nur ein Schrumpfparlament gewählt.

Zwei Frauen und sechs Männer kandidieren für die Wahl der Gemeindevertretung von Sensbachtal (Odenwald) am 6. März. Sie kandidieren alle für dieselbe freie Wählergruppe. Eine Besonderheit? Sicher, aber nicht in Sensbachtal.

Bürgermeister Egon Scheuermann gehört selbstredend der Gemeinschaft Freier Wähler/Überparteiliche Wählervereinigung Sensbachtal (GFW/ÜWS) an. Er berichtet, dass die Gemeindevertretung mit nur einer Fraktion Tradition hat: "In Sensbachtal hatten wir einfach nie einen parteipolitischen Wahlvorschlag. Es waren immer Wählergruppen, Interessengruppen, die sich zusammengefunden hatten."

Zuerst waren es immerhin drei Gruppierungen, dann wurden es zwei. Am Ende blieb eine übrig. Nach Auskunft des 55 Jahre alten Bürgermeisters gibt es im Ort seit vier Wahlperioden nur noch einen Wahlvorschlag. Die beiden Gruppen, aus denen die GFW/ÜWS entstand, hatten viele gemeinsame Interessen erkannt.

Kein Fraktionenzwang

Nur weil alle Gemeindevertreter derselben Fraktion angehören, bedeute das nicht, dass nicht debattiert werde wie andernorts auch, beteuert Scheuermann: "Bei uns wird frei diskutiert. Jeder Mandatsträger hat seine eigene Meinung und trägt die auch vor."

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Scheuermann geht noch einen Schritt weiter und erkennt sogar Vorteile in dem Ein-Parteien-Parlament: "Da besteht kein Fraktionszwang. Das heißt, es gibt unter Umständen interessantere Diskussionen als in einer Fraktionenvertretung." Allerdings scheint das Interesse an der Gemeindevertretung außerhalb nicht überragend groß zu sein.

Die Gemeindevertretung schrumpft

Die Wahlbeteiligung lag bei den Kommunahlwahlen 2011 und 2006 nur knapp über 50 Prozent. Und diesmal treten nur acht Kandidaten an, obwohl es in der Sensbachtaler Gemeindevertretung elf Sitze zu verteilen gibt. Drei Plätze werden leer bleiben.

Die Bankkauffrau Karin Scior kandidiert zum zweiten Mal und wünscht sich mehr Interesse an ihrer Arbeit: "Dass es nur eine Liste gibt, finde ich nicht so dramatisch. Ich finde es nur dramatisch, dass nicht mehr auf dieser Liste kandidieren."

Wahlzettel Sensbachtal
Panaschieren ausgeschlossen: In Sensbachtal geht nur Kumulieren, wie der Ausschnitt des aktuellen Wahlzettels zeigt. Bild © Gemeinde Sensbachtal

2011 hatten die Bürger in Sensbachtal noch eine echte Wahl: Damals gab es noch 14 Kandidaten. Dieses Mal ist die Zusammensetzung der Gemeindevertretung schon vor der Wahl klar - außer im unwahrscheinlichen Fall, dass ein Kandidat von wirklich jedem Wähler gestrichen würde.

Für Kfz-Schlosser Frank Gärtner, einen der acht Kandidaten, ist klar, warum sich so wenige für die Arbeit in dem Gremium interessieren. Es gebe aufgrund gesetzlicher Vorgaben und knapper Kassen kaum noch Handlungsspielraum für Gemeindevertreter: "Die finanziellen Mittel der kleinen Kommunen sind relativ gering."

Die womöglich letzte Wahl ohne Parteien

Um ihre Situation zu verbessern, wollen die Gemeindevertreter Sensbachtal mit den drei Nachbarkommunen Beerfelden, Hesseneck und Rothenberg zur Stadtgemeinde Oberzent fusionieren. Darüber stimmen die Bürger am 6. März bei einem Bürgerentscheid ab. Und hier haben sie eine echte Wahl: zwischen Ja und Nein.

Die Fusion könnte in zwei, drei Jahren vollzogen sein. In dem Fall dürften zur kommenden Kommunalwahl dann auch in diesem traditionell parteienfreien Teil Hessens wieder Parteien antreten.

Die CDU hat eine Fusion in den vier Kommunen übrigens schon vollzogen: mit einem ortsübergreifenden gemeinsamen Ortsverband. Als einzige der etablierten Parteien ist sie damit in Sensbachtal wenigstens vertreten. Warum sie bislang keinen eigenen Wahlvorschlag macht? Wegen der besonderen Sensbachtaler Tradition - und aus Mangel an Kandidaten.

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