Gondorf Schuster Darmstadt 98
So sehen Sieger aus: Jerome Gondorf und Trainer Dirk Schuster. Bild © Imago

Jerome Gondorf ist einer der zentralen Figuren in der Erfolgsgeschichte von Darmstadt 98. Warum um seine Person dennoch kein ganz großer Hype entstanden ist und welchen Anteil Dirk Schuster am Erfolg hat, erklärt er im Interview.

Aytac Sulu, Marcel Heller, Sandro Wagner – wenn man die Leistungsträger des SV Darmstadt 98 aufzählt, dann wird ein Name häufig vergessen: Der von Jerome Gondorf. Dabei ist der 27-Jährige eine der Schlüsselfiguren beim Bundesliga-Aufsteiger. In allen 23 Pflichtspielen kam der Karlsruher bisher in der Startelf zum Einsatz. Er ist ein unermüdlicher Arbeiter im defensiven Mittelfeld, ein Antreiber und eine der ersten Entdeckungen von Trainer Dirk Schuster. Gemeinsam mit dem Erfolgscoach ist Gondorf durch die Ligen marschiert.

hessenschau.de: Herr Gondorf, Sie sind einer der wenigen Spieler in der Startelf von Darmstadt 98, der den Durchmarsch aus der 3.Liga mitgemacht hat. Hand aufs Herz: Als Sie im Sommer 2013 zu den Lilien kamen, hätten Sie damals gedacht, dass Sie irgendwann mal Bundesliga spielen werden?

Gondorf: Es wäre vermessen gewesen, wenn ich damals daran gedacht hätte. Darmstadt war ja eigentlich in die Regionalliga abgestiegen und hatte sich nur durch den Lizenzentzug von Offenbach gerettet. Wenn man dann da hinkommt und an die erste Liga denkt, ist man fehl am Platz. Ich konnte das damals gut einordnen, wusste um die Situation und dass ich helfen kann. Aber grundsätzlich setze ich mir hohe Ziele – und das Ziel war schon immer mindestens die zweite Liga.

hessenschau.de: Jetzt spielen Sie in der Bundesliga – und zwar bisher in jeder einzelnen Partie. Was ist der größte Unterschied zu den Jahren davor?

Gondorf: Die individuelle Qualität ist nochmal höher, das Spiel ist intelligenter und schneller. Taktisch, und technisch muss man sich noch stärker auf die Gegner einstellen und sich schnell anpassen, um mitschwimmen zu können.

hessenschau.de: Das war auf dem Platz – und wie ist es abseits des Platzes?

Gondorf: Der Medienrummel ist natürlich größer. Aber wir haben das Glück, dass unser Privatleben nicht so interessant ist wie etwa bei einem Bayern-Spieler. Auch der Zuspruch bei den Fans ist deutlich gestiegen. Wenn wir als Spieler in der Stadt was essen gehen, werden wir jedes Mal angesprochen oder um ein Foto gebeten. Aber das ist schön und eine Bestätigung dafür, was wir geschafft haben.

hessenschau.de: Sie sind ein Leistungsträger, aber um andere Aufstiegshelden wie Marcel Heller oder Aytac Sulu wird gefühlt viel mehr Rummel gemacht. Woran liegt das?

Gondorf: Die Arbeit, die ich verrichte, ist bei weitem nicht so auffällig, wie wenn Heller einfach an zwei Gegnern vorbeirennt oder wenn Aytac wieder ein Tor köpft. Aber mir macht das nicht viel aus. Ich muss nicht der Typ sein, über den es jeden Tag einen Artikel gibt. Mir ist wichtig, dass die Mannschaft und das Trainerteam meine Leistung anerkennen und ich meine Rolle gefunden hab. Die Leute, die viel vom Fußball verstehen, wissen schon um meine Qualität.

hessenschau.de: Lassen Sie uns über diese Rolle sprechen. Beim SV98 steht der Teamgedanke im Vordergrund und ist das Entscheidende. Worin besteht Ihre Aufgabe im Team?

Gondorf: Ich bin aufgrund meiner Position und als Mensch einer, der vorangehen will und muss. Aytac hat klar die Position des Kapitäns und sein Wort hat Gewicht, aber ich versuche auch, Verantwortung zu übernehmen, ein Zugpferd zu sein und meinen Mitspielern zu helfen. Doppeln, Lücken schließen - gerade, wenn man mal hinten liegt, will ich die Mannschaft mit einer Aktion oder verbal mitreißen. Aber insgesamt springen wir alle ein, wenn einer ausgespielt wird. Davon leben wir.

hessenschau.de: Welchen Einfluss hatte Trainer Dirk Schuster auf Ihre Entwicklung? Er hat Sie ja zunächst zu den Stuttgarter Kickers und dann zum SV98 geholt…

Gondorf: Als mich Schuster geholt hat, war ich noch nicht der, der die meisten Kilometer am Platz abspult. Ich kam eher über das Filigrane und die Technik. Wenn ich mal einen schönen Ball gespielt habe, dann war ich zufrieden. Da hat mich Schuster grundlegend verändert. Er hat in mir ein bisschen den Löwen oder Tiger geweckt, der immer Hunger nach mehr hat, der nie aufgeben will und bis zum Abpfiff alles gibt.

hessenschau.de: Sie kennen Schuster jetzt schon länger. Was macht ihn als Typ aus?

Gondorf: Er ist ein sehr emotionaler Trainer und legt großen Wert auf Disziplin. In der Meinung, die er hat, ist er knallhart. Aber er legt sie immer offen dar. Bei ihm hat man nicht das Gefühl, er erzählt mir jetzt etwas, um die Stimmung aufrecht zu erhalten, aber in Wirklichkeit ist die Hälfte gelogen. Das ist das Wichtigste für uns Spieler: Man hat immer das Gefühl, er ist 100 Prozent ehrlich und direkt.

hessenschau.de: Diese ehrliche Art vom Trainer trägt zu einem aufrichtigen Miteinander bei. Die Stimmung ist ja insgesamt in Darmstadt offenbar ziemlich gut…

Gondorf: Ich weiß nicht, wie es bei anderen Bundesliga-Clubs ist. Aber ich glaube nicht, dass es gang und gäbe im Profifußball ist, dass man neben dem Platz so viel miteinander unternimmt wie wir es tun. Da sind enge Freundschaften entstanden und die prägen. Wir waren ja noch nie in einem Tief, aber selbst wenn wir eine Niederlagenserie hätten, würden wir uns nicht zerfleischen.

hessenschau.de: Sie stammen aus einer absoluten Fußball-Familie. Ihre Geschwister kicken alle und auch die Eltern haben mit Fußball zu tun. Wie groß ist der Stolz oder gibt es auch Kritik, wenn sie schlechter spielen?

Gondorf: Kritik gibt es immer. Meine Familie verfolgt alle meine Spiele und vor allem mein Vater sagt mir immer deutlich, was gut war und was nicht (lacht). Das war auch schon in der Vergangenheit so und da bin ich froh drum, denn das hat mich auch ein Stück weit gekitzelt. Ich habe mir immer gesagt: ‚Das gibt es doch nicht, dass der Papa immer was zu meckern hat.‘ Allgemein ist es schon so, dass alle stolz sind und dass meine Brüder sich auch Ratschläge abholen wollen, wenn ich mal ein Spiel von ihnen anschaue. Das macht mich glücklich.

hessenschau.de: Sie haben jetzt einmal gegen alle Teams der Bundesliga gespielt – wo war die Aufregung am größten?

Gondorf: Ich bin eigentlich selten aufgeregt, sondern eher angespannt. Ich glaube an mich und unsere Stärken. Von der Atmosphäre her war die Partie in Dortmund das schönste Spiel. Als wir da in der zweiten Halbzeit von der kompletten Gegengeraden ausgepfiffen wurden, das war atemberaubend und da hatte ich Gänsehaut. Das sind die Momente, da weiß man: Dafür spielt man Fußball.

hessenschau.de: Auf welchen Spieler haben Sie sich besonders gefreut?

Gondorf: Eigentlich auf mein Vorbild Bastian Schweinsteiger, aber der ist ja gewechselt. Ich habe mich dann auf Xabi Alonso gefreut, weil ich ihn einfach als Fußballer sagenhaft finde. Letztendlich hat er im Pokal gegen uns leider auch bewiesen, mit welcher Qualität er bestückt ist. (Anmerkung der Redaktion: Alonsos Traumtor brachte die Bayern in die nächste Runde).

hessenschau.de: Zwei Aufstiege, überraschend in der Bundesliga – was fehlt noch auf der Liste des Jerome Gondorf?

Gondorf: Ich will bei meinen Tugenden bleiben und mir nicht zu vermessene Ziele stecken. Ich wollte mich in der Liga und der Mannschaft etablieren. Das habe ich ganz gut hinbekommen. Ich hoffe, dass wir den Nichtabstieg schaffen, ein größeres Ziel habe ich zunächst einmal nicht.

hessenschau.de: Was ja schon ein ziemlich großes Ziel ist…

Gondorf: Genau.

hessenschau.de: Danke für das Gespräch.

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