Hofmeister Blog
Für Sie vor Ort: hr-Reporter Philipp Hofmeister begleitet Eintracht Frankfurt im Trainingslager in Abu Dhabi. Bild © privat

Philipp Hofmeister berichtet für den hr-sport aus dem Trainingslager von Eintracht Frankfurt in Abu Dhabi. An Tag neun ist es höchste Zeit für eine Bilanz.

+++ Tag 9: Gewinner +++

Abschiedszeit. Bilanzzeit. Zeit für Gewinner – und Verlierer. Wissen Sie was? Es gibt diesmal eigentlich gar keine Verlierer. Sondern nur Gewinner. Ich wüsste nicht, wer sich hier in den letzten neun Tagen nicht ordentlich präsentiert hätte.

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zum Video Eintracht in Abu Dhabi - hr-Reporter zieht Bilanz

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Selbst der Fußballgott, von mir für seine Leistung im (zugegebenermaßen undankbaren) ersten Testspiel gedeckelt, traf in allen Trainingstagen danach bei so ziemlich jeder Chance und bewies, dass mit ihm nach wie vor zu rechnen ist. Das gilt aber nicht nur für Alex Meier. Es gilt für diese gesamte Truppe unter Niko Kovac. Der hatte ganz bewusst den ultimativen Konkurrenzkampf ausgerufen. Er hat ihn bekommen. Dank gesunder Spieler wie Varela, Tarashaj, Rebic. Dank talentiertem Nachwuchs wie Barkok, Besuschkow und selbst Cetin. Die Optionen sind so reichhaltig wie nie in den letzten Jahren, die Reihe hinter der ersten Reihe wird dieser keine Ruhe lassen. Das ist eine neue, nicht zu unterschätzende Qualität.

Die Eintracht wird sie brauchen in dieser Rückrunde, in der man nicht mehr in der erfolgreichen, weil kaum beachteten Nische werkeln kann. Die Eintracht wird sich was einfallen lassen müssen. Das weiß sie, so trainiert sie. Und was dabei herum kam, das sah in den neun Tagen in der Wüste sehr passabel aus.

So selten Winter-Trainingslager auch ein Indikator für das sind, was anschließend wieder im winterlich-kalten Deutschland passiert: Es gab hier in Abu Dhabi keinerlei Anzeichen von Zufriedenheit. Von Sättigung. Von Ruhe. Stillstand ist Rückstand, sagt Niko Kovac stets gerne. Ich glaube, die Eintracht wird auch eine konstant gute Rückrunde spielen. Und am Ende ein großer Gewinner dieser Spielzeit sein.

+++ Tag 8: Ebbelwoi +++

Dem Fußball fehlen ja oft die Typen. Typen mit Ecken und Kanten, die einfach authentisch sind. Gerade in diesen Zeiten, in denen Dinge wie Poldis Hinweis, dass wir uns doch alle ab und zu mal in den Schritt fassen, zu gefeierten Ereignissen mutieren.

Feiern darf man einen wie Lukas Hradecky. Die Spinne im Tor, die sich auf dem Platz auch mal überlegt, ob er denn eigentlich noch genug Bier im Kühlschrank hat. Beim Interviewtermin sitzt er da, entspannt, freundlich, offen, lustig. Und erzählt auch mal Dinge, bei denen viele andere Kicker einfach viel zu viel Angst hätten, so etwas zu äußern. Dass er zwar Frankfurt liebt, die Grie Soß aber nicht kennt. Nachholen will er das. Er bedankt sich für den Tipp, dies unbedingt im Frühsommer zu tun, weil die sieben Kräuter dann so herrlich frisch seien. Und dann gibt er doch tatsächlich zu, dass ihm das Heiligste eines jeden echten Frankfurters nicht schmeckt: der Ebbelwoi. Aber immerhin, probiert habe er. Doch er sei nun mal eher der Bier-Typ.

Man ertappt sich beim Gedanken, dass dieser genetisch bevorteilte Lukas Hradecky so viel Bier wie er möchte trinken könnte, ohne jemals dick zu werden. Nein nein, sagt der Lukas, sein Papa habe bereits einen kleinen Bierbauch. Und lacht sich schlapp. Er ist eben einer von uns.

+++ Tag 7: Chillen +++

Es geht langsam dahin bei uns wüsten Söhnen. Und zwar bei allen. Im Journalistenkreis spürt man nach exakt einer Woche die ersten Anzeichen von Lagerkoller. Im Mannschaftskreis auch. Zumindest heute früh, bei der 75-minütigen Einheit komplett ohne Ball.

Niemand freut sich, wenn die Jungs morgens nur die Laufschuhe anhaben. Wir nicht. Die Jungs selbst noch weniger. Und so wurde gelaufen. Die ganze Zeit. Nur im Kreis. Mal schneller, mal gemächlicher. Das ging dann irgendwann doch ganz schön auf die Pumpe. Nach gut einer Stunde läuft Basti Oczipka zum gefühlt 89. Mal an mir vorbei. Er guckt mich an, wie ich da stehe, die Arme lässig verschränkt. "Im nächsten Leben werde ich auch hr-Reporter", ruft er mir zu. Ich fühle mich schlecht, aber was soll ich tun? Ich würde doch auch viel lieber Fußball sehen.

Kurze Zeit später ruft Sportskamerad Seferovic seiner Kleingruppe laut vernehmbar zu: "Hey Jungs, lass chillen!" Ob er damit durchkommt? Wir erleben es nicht, denn unmittelbar darauf ist Schluss. Naja, die Gymnastikmatten warten noch. Während sich der Nebel vor die heute etwas bocklose Wüstensonne schiebt. Wie gesagt: Es geht dahin. Selbst die Sonne von Abu Dhabi will wohl lieber Fußball sehen. Und solange es den nicht gibt, chillt sie eben hinter dem Nebel.

+++ Tag 6: Diplomatie +++

Die Flagge weht im Vormittagswind. Nicht die schwarz-weiße. Sondern die schwarz-rot-goldene. Und die steckt am Auto vorne rechts. Hoher Besuch beim Training: der deutsche Botschafter ist da. Handshakes, Fotos, Smalltalk. Was dann eben so passiert. Ein kleiner Plausch mit den wichtigen Eintracht-Köpfen, dann gibt sich der Botschafter vor unseren Mikrofonen die Ehre.

Fußball sei "wie Musik", sagt er. "Eine sehr völkerverbindende Sache". Von daher sei es gut, dass sich Eintracht Frankfurt hier in Abu Dhabi erneut die Ehre gebe. Was er denn über die Kritik in der Heimat bezüglich der Trainingslager in dieser Ecke der Welt denkt, frage ich ihn. Es sei ein offenes Land, sagt der Botschafter, schließlich seien hier 85 Prozent der Menschen Ausländer. Und die seien offen für vieles. Auch für den Fußball.

Was denn die Vereinigten Arabischen Emirate von den Zuständen im umstrittenen WM-Gastgeberland Katar unterscheiden, frage ich ihn weiter. Dazu könne er nicht viel sagen, sagt der Botschafter. Er sei aber auch erst ein halbes Jahr hier. Wir danken freundlich, der Botschafter bedankt sich freundlich. Diplomatie in ihrer reinsten Form. Kurz darauf marschiert er zurück zum Auto. In seiner Nähe liegt ein Fußball. Den lässt er links liegen. Schade. So einen Diplomaten-Pass hätte man ja schon gern mal gesehen.

+++ Tag 5: Götterdämmerung +++

Das war kein Spiel für Fußballgötter gestern. Auch wenn diese Testkicks selten wirklich aussagekräftig sind, wurde einem eins ziemlich klar. Und viele Fans müssen jetzt ganz stark sein: Der Fußballgott dürfte es auch in der Rückrunde schwer haben. Alex Meier hängt im Kovac-Fußball weiter ziemlich in der Luft. Irgendwie hat man den Eindruck, es ist nicht mehr sein Spiel. Auf ihn zugeschnitten ist es ohnehin ja schon lange nicht mehr. Das hohe Tempo und das permanent praktizierte Anlaufen macht es AMFG14 nicht leichter.

Die Eintracht emanzipiert sich von ihrer Lebensversicherung, Stück für Stück. So schwierig das für Meier selbst und seine vielen Fans ist, die er völlig zurecht hinter sich weiß, so wichtig und so gut ist das für Eintracht Frankfurt. Eins aber kann man dem Langen nicht vorwerfen: dass er sich hängen lässt. Denn trotz dieser Gesamtsituation, die ihm selbst ganz sicher auch bewusst sein wird, ist und bleibt Alex Meier ein Musterprofi.

Nach dem heutigen Vormittagstraining, als alle schon im Clubhaus sind, übt der Fußballgott noch lange weiter. Torwarttrainer Petz legt auf, Nachwuchskeeper Bätge fliegen die Dinger um die Ohren. Mit links, mit rechts, zum Schluss dann volley. Die meisten sind unhaltbar. Bätge stöhnt. Bätge flucht. Und da erkennt man sie wieder: die einzigartige Klasse des Alexander Meier. Und man wünscht sich für ihn, dass genau die auch in der Rückrunde zumindest hin und wieder mal gebraucht wird.

+++ Tag 4: Vehemenz +++

Darmstadt. Ingolstadt. Freiburg. Hamburg. Das ist nicht etwa die Auflistung der schönsten Bundesliga-Städte. Obwohl das zumindest auf die drittgenannte voll zutreffen würde. Nein, es sind die ersten vier Gegner, die in der Bundesliga-Rückrunde im Waldstadion zu Frankfurt vorstellig werden. Das könnten, sagen wir es mal so, alles sehr undankbare Aufgaben werden.

Gegen tief stehende Gegner, die der Eintracht das Spiel überlassen. Gegen den berühmten Beton, der dann angemischt wird. Niko Kovac weiß das. Und er weiß, wie schwer sich seine Jungs in genau diesen Konstellationen gern mal tun. Also macht er das einzig Richtige - und lässt genau das trainieren. Angreifen gegen einen tief stehenden Gegner. Spielaufbau. Spielverlagerung. Tempoverschärfung. Vertikal. Diagonal. Immer und immer wieder.

Sobald etwas nicht läuft, geht der Chef dazwischen. Lautstark. Und korrigiert. Mit einer Vehemenz, die beeindruckt. Wenn es dann endlich passt, ruft Kovac: "Passt!" Und man bleibt zurück im Glauben, dass es tatsächlich passen könnte.

+++ Tag 3: Legende +++

Wenn gerade mal kein Training seiner Fußballschule steigt, dann guckt die Legende eben beim Training der Profis zu. Charly Körbel. Bundesliga-Rekordspieler. Auch diesmal in Abu Dhabi mit dabei. Ein Training in seiner Nähe ist immer ein Erlebnis. Gestern sitzt der treue Charly inmitten von uns Journalisten, weil es dort drüben am längsten Nachmittagssonne gibt. Und Charly ist gut drauf, wie eigentlich immer.

Es nähert sich Pressesprecher Carsten Knoop. Körbel: "Carsten, hast du was dabei?" Knoop guckt fragend. Körbel: "Carsten, du musst immer was für die Journalisten dabei haben. Auch wenn es was ist, was nicht stimmt. So wie bei Hänsel und Gretel, ein paar Krümel hinwerfen. Dann sind sie still." Großes Gelächter. Wir freuen uns, Körbel freut sich.

Beim Thema Krümel verweist jemand auf die sehr leckeren Kekse, die uns die Eintracht in unserer kleinen Kaffee-Ecke bereit stellt. Kekse? Körbel will auch. Wird allerdings umgehend auf das Schild "Media only!" hingewiesen. Jetzt guckt der treue Charly fragend, aber nur kurz. Dann lacht er: "Über Beziehungen bekomme ich bestimmt noch einen." Kein Zweifel. Wenn das hier jemand schafft, dann die Legende.

+++ Tag 2: Qualität +++

Hat nicht jeder von uns so ein Wort, das er eigentlich fast immer benutzt? Meins ist, genau: eigentlich. Das benutze ich eigentlich sogar immer. Ein sogenanntes Füllwort, dafür wird man dann oft getadelt. Niko Kovac hat ein anderes Lieblingswort. Eines, das kein Füllwort ist. Es lautet: Qualität.

Kein anderes Wort fällt in den Einheiten häufiger. "Männer, ich will Qualität sehen." "Mehr Qualität da bei diesen Bällen." Oder auch einfach nur: "Qualität!" Jeder noch so neue Neuzugang wird nach der ersten Einheit wissen, was damit gemeint ist. Kommt Qualität nicht auch von Qual?

Wenn ja, dann passt es ja irgendwie bestens in dieses Trainingslager, wenn die Mittagssonne erbarmungslos auf die schuftenden Berufsfußballer herunter knallt. Und es passt zu diesem Trainer, der niemals locker lässt, niemals nachgibt, es niemals schleifen lässt. Wohl selbst dann nicht, wenn man im Mai Deutscher Meister werden sollte. Aber das sind jetzt Hirngespinste. Dafür fehlt der Eintracht dann doch etwas, genau: etwas Qualität. Eigentlich.

+++ Tag 1: Parallelen +++

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zum Video Eintracht zum Auftakt in Abu Dhabi ganz entspannt

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Es hat ja ein bisschen was von nach Hause kommen. Wer wie die Eintracht zum fünften Mal in Folge sein Winterquartier am selben Platz aufschlägt, der fühlt sich langsam fast schon heimisch. Und dem fallen Veränderungen auf. Das geht den Spielern genauso wie uns dem Anhang. Als wir also gestern Abend unser Hotel bezogen, fiel sofort auf, dass der große Hotel-Neubau nebenan inzwischen fertig ist. Sieht gut aus. Eine tolle Entwicklung. Und schwups: Schon haben wir die Parallele zur Eintracht.

Die Ausgangslage vor einem Jahr: eine taumelnde, hilflose Mannschaft. Ein schwer angeschlagener Trainer. Eine sich hinziehende Suche nach einem neuen, starken Mann im Klub. Und sportlicher Überlebenskampf in seiner reinsten Form. Die Ausgangslage heute: eine funktionierende Einheit. Ein Trainer, um den die Eintracht der ganze Rest der Liga beneidet. Und die Aussicht, mit einer ebenso konstanten Rückrunde eine einmalige Chance auf neue internationale Festspielnächte zu nutzen.

Die Gesamtlage rund um Eintracht Frankfurt ist in diesem Winter derart tiefentspannt, dass man ernsthaft lange überlegt, was den Leser zu Hause eigentlich so richtig interessieren würde. Wohlgemerkt: ein Jahr, nachdem hier allen Beteiligten aber sowas von die Düse ging. Welch eine Entwicklung. Eine Entwicklung, die so schnell ist, dass wohl selbst die Baubranche von Abu Dhabi darüber ehrfürchtig staunt.

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