Tony Martin bei der Tour de France
Vom Weltmeister zum Edelhelfer: Tony Martin gibt bei der Tour de France auf jeder Etappe alles. Bild © Imago

Für Tony Martin und John Degenkolb gab es bei der Tour de France bislang mehr Frust als Lust. Warum sie trotzdem weiter Interviews geben und wie viele Trinkflaschen unter ein Trikot passen, erklärt ARD-Radsport-Experte Bernd Arnold.

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Nach 15 von 21 Etappen dürfen der Eschborner Tony Martin und der Oberurseler John Degenkolb am Montag endlich mal wieder die Beine hochlegen und den harten Sattel gegen eine weiche Matratze tauschen. ARD-Radsport-Experte Bernd Arnold, der die Fahrer aus nächster Nähe erlebt, nutzt den Ruhetag, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Dabei bescheinigt er dem hessischen Duo besondere Qualitäten in Situationen, die von den Kameras so nicht eingefangen werden.

hessenschau.de: Bernd, du bist inzwischen zum 19. Mal bei der Tour de France dabei. Wie sieht ein Tag bei dir aus?

Arnold: Ich bin morgens beim Start und führe dort die Interviews, die meistens während des Rennens gesendet werden. Dann fahre ich mit meinem Kameramann Dion Mieske zum Zielort und warte auf die Fahrer, um auch direkt nach der Etappe wieder die ersten Stimmen einzusammeln. Das Verhältnis zu den Radprofis ist sehr gut, vor allem natürlich zu unseren beiden Hessen.

hessenschau.de: Wie äußert sich das?

Bernd Arnold mit einem Maskottchen der Tour de France
Bernd Arnold spricht fünf Sprachen - mit Hessisch sind es sogar sechs. Bild © hessenschau.de

Arnold: Wir haben inzwischen eine kleine Hessen-Connection aufgebaut. Degenkolb und Martin stellen sich deshalb auch bei Frust, Schmerzen und Leiden unseren Fragen und geben dabei immer gerne Auskunft. Bei Martin war die Enttäuschung vor allem beim Zeitfahren in Düsseldorf riesig, er hat dann ehrlich zugegeben, dass er unbedingt gewinnen wollte.

Bei Degenkolb fällt mir natürlich sofort die Etappe mit seinem schweren Sturz ein. Da ist er blutverschmiert in den Bus gehumpelt und sollte umgehend zum Röntgen. Die Pressesprecherin des Teams wollte nicht, dass er auch nur einen Satz sagt. Als er uns sah, hat er aber sofort eingewilligt und erzählt, wie es ihm geht. Er hatte große Schmerzen.

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hessenschau.de: Du bist also ziemlich nah dran an den Fahrern. Was ist dir in den ersten zwei Wochen bei Degenkolb und Martin besonders aufgefallen?

Arnold: Bei Degenkolb konnte ich tatsächlich nicht glauben, dass er nach seinem Sturz überhaupt weiterfährt. Ich habe ihn gesehen und mich gefragt, warum er sich das antut. Er hat es geschafft, sich während des Rennens zu erholen. Das ist eine enorme Leistung.

Bei Martin fand ich beeindruckend, dass er nach seiner Enttäuschung zu Beginn direkt den Schalter umgelegt hat und in die Helferrolle geschlüpft ist. Da ich die Etappen auch teilweise auf dem Motorrad begleite, konnte ich beobachten, wie er sich auf einer Bergetappe acht Trinkflaschen unters Trikot gestopft hat, um seine Teamkollegen mit Getränken zu versorgen. Der Weltmeister wird zum Wasserträger, das ist schon bemerkenswert.

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hessenschau.de: Traust du Tony Martin zu, noch eine Etappe zu gewinnen?

Arnold: Beim Zeitfahren in Marseille ist er für mich wieder der klare Favorit. Das will er unbedingt gewinnen – und das kann er auch gewinnen. Martin hat aber auch schon bewiesen, dass er auch mal alleine ausreißen und so eine Etappe gewinnen kann. Vielleicht nicht auf den ganz steilen Rampen in den Alpen, aber auf mittelschweren Etappen ist Martin gefährlich. Denn: Lange Zeit mit hoher Geschwindigkeit fahren, das kann keiner so gut wie er.

hessenschau.de: Welche Highlights der bisherigen Tour sind dir persönlich am meisten im Gedächtnis geblieben?

Arnold: Wenn man auf dem Motorrad direkt hinter oder neben dem Fahrerfeld unterwegs ist, merkt man erstmal, wie verrückt diese Rundfahrt ist. Der Österreicher Bernhard Eisel bekam auf einer Abfahrt bei  gefühlten 80 km/h einen Sprühverband auf seinen blutenden Oberschenkel verpasst. In einer ähnlichen Situation hat ein Mechaniker bei einem anderen Fahrer das Funkgerät gewechselt. Das ist schon extrem spannend zu sehen. Ich freue mich auf die nächsten Tage.

Das Gespräch führte Mark Weidenfeller

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