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Schwarzes Granulat auf Kunstrasenplätzen gilt als gesundheitsgefährdend. Bild © hr

Auf Kunstrasenplätzen wird überall in Hessen Fußball gespielt. Was einst als modern galt, könnte nun die Gesundheit der Spieler gefährden. hr-Recherchen haben gezeigt: In einigen Stoffen lauern Krebserreger.

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Eigentlich war es ein Abend wie immer. Der Platzwart hatte gerade am Sicherungskasten das Flutlicht angeknipst, die Spieler sich in der kleinen Kabine umgezogen und der Trainer die ersten Hütchen auf dem Rasen verteilt. Der Wind blies. Es begann zu nieseln. Ein Fußball-Training auf dem Dorfsportplatz. Bodenständig. Authentisch. Charmant.

Doch an diesem Abend kam ein Gefühl dazu, das den kleinen Verein in Freigericht (Main-Kinzig) noch ein bisschen länger beschäftigen wird. Ein Gefühl, das nervt, das aufreibt, das man niemandem wünscht. Ein Gefühl, das sich Ungewissheit nennt. Der Grund: Der feine Kunstrasenplatz, auf dem der Klub seit acht Jahren spielt, enthält Stoffe, die krebserregend sein könnten.

Das haben Untersuchungen ergeben, die das hr-Magazin defacto in Auftrag gegeben hat. Beim SV Neuses, dem kleinen Klub mit vielen umtriebigen ehrenamtlichen Mitarbeitern, ist man überrascht: "Wir haben von unserem Hersteller Zertifikate, dass das Material unbedenklich ist", sagt der zweite Vorsitzende, Bernhard Trageser. Die Gefühlslage? "Wir sind geschockt."

Hunderte Plätze betroffen?

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Welcher Platz ist gefährlich?

Als unbedenklich gelten Kunstrasenplätze, die entweder ohne Granulat auskommen oder grünes Granulat verwenden. Das besteht aus neu hergestelltem Gummi und hat eine schützende Farbschicht. Als bedenklich gelten Plätze, auf denen schwarzes Granulat liegt. Es wird aus alten Autoreifen hergestellt und enthält Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Seit 27.12.2015 gibt es eine EU-Richtlinie (REACH-Verordnung), die Grenzwerte für acht dieser PAK festgelegt hat (1 mg/kg). Sie gilt allerdings nur für neu hergestelltes Material.

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Doch mit diesem Problem steht der Verein nicht alleine da. Auch bei einem benachbarten Sportplatz in Altenhaßlau wurden nicht alle Grenzwerte eingehalten. Damit ist das Material nicht geeignet, um vermehrt länger als 30 Sekunden mit der Haut in Kontakt zu kommen. Insgesamt könnten von den 400 Kunstrasenplätzen in Hessen fast die Hälfte betroffen sein. Auslöser des Problems: schwarzes Granulat. Es wird aus alten Autoreifen hergestellt und auf den Plätzen verwendet, um beim Grätschen Schürfwunden zu vermeiden und das Verhalten des Balles so natürlich wie möglich werden zu lassen.

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Wie gefährlich das Spielen auf diesen Plätzen allerdings ist, bleibt völlig unklar. Toxikologen schätzen beispielsweise das Risiko für Kinder, auf einem Spielplatz an einer Hauptverkehrsstraße zu spielen, als höher ein. Auch die Zigarette nach dem Training stelle ein vielfach höheres Risiko dar, als das Training auf dem Platz selbst.

Und doch warnt Toxikologe Hans Gerhard Varbelow: "Meiner Meinung nach sind die Plätze gefährlich. Man sollte sie sperren." Über Hautkontakt mit dem Granulat, aber auch beim Einatmen kleinster Partikel könnte eine Gesundheitsgefährdung entstehen. "Die Testergebnisse haben ergeben, dass die Stoffe, die krebserregend sind, in einer recht hohen Konzentration vorhanden sind", so Varbelow.

Verschiedene Studien, verschiedene Ergebnisse

In der Vergangenheit war die Gefahr durch Kunstrasenplätze auch in den USA und in den Niederlanden ein Thema. Dort wurden im Oktober einige Plätze für mehrere Wochen gesperrt, bis ein Gutachten des Umweltministeriums die Gefahr als sehr gering einstufte. Ohnehin gibt es verschiedene Studien, die zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Das Problem: Erst vor gut einem Jahr legte die EU einen Grenzwert für krebserregenden Stoffen für Kunstrasen-Granulat fest.

Material, das vor diesem Zeitpunkt hergestellt wurde, darf auf den Plätzen allerdings bleiben – egal, ob es die Grenzwerte überschreitet. Das ist in Neuses und Altenhaßlau der Fall. Deshalb kündigte auch das Bauamt in Freigericht an, man schätze das Risiko einer Erkrankung als "sehr gering" ein und werde am Zustand des Platzes nichts verändern.

Soccerhalle tauscht Granulat aus

Andere indes haben reagiert. Auch in einer Soccerhalle in Altenhaßlau hat defacto eine Probe genommen. Dort waren die Werte nochmals deutlich höher. Schulklassen, die dort ihren Sportunterricht abhielten, klagten über Gummigeruch im Sommer und schwarze Hände. Der Hallenbesitzer reagierte auf die Beschwerden und tauschte das Granulat aus. Nun hat er nicht mehr das schwarze Granulat, sondern grünes Granulat in der Halle liegen. Das gilt als unbedenklich, ist aber deutlich teurer.

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Wie kann ich mich schützen?

Wie hoch das Risiko tatsächlich ist, dazu gibt es verschiedene Studien: von sehr gering bis gefährlich. Schutz verspricht auf jeden Fall langer Kleidung, um Hautkontakt mit dem Granulat möglichst zu vermeiden. Auch abduschen nach dem Verlassen des Platzes hilft, sowie eine häufige Bewässerung der Spielfläche, damit kleine Staubpartikel nicht in die Atemluft gelangen.

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Für die Vereine ist die Lage misslich. Die Hersteller hatten bis vor Kurzem keine Grenzwerte einzuhalten, sie können nicht belangt werden. Aber die Ungewissheit, wie gefährlich das schwarze Granulat ist, bleibt bestehen. Einfach austauschen? Wohl zu teuer. Von bis zu 200.000 Euro ist die Rede. Ein Problem, das die Politik mit dem frühzeitigen Festlegen klarer Grenzwerte hätte lösen können. Auch eine kürzlich durch die EU in Auftrag gegebene Studie brachte keine Klarheit.

Zwar verkündete das Institut ECHA, es gehe von Kunstrasenplätzen keine erhöhte Krebsgefahr aus. Allerdings wurde lediglich Granulat zur Studie herangezogen, das ohnehin die neu geschaffenen EU-Grenzwerte einhält. Was mit dem alten Granulat ist – um diese Frage drückt sich die Politik weiterhin. In Europa, in Deutschland, in Hessen. Zum Leidwesen von Fußballern und Vereinen. Was ihnen bleibt: ein charmanter Dorfsportplatz – und eine große Portion Ungewissheit.

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