Christian Reichert
Christian Reichert will sich in Ungarn wieder nach vorne kämpfen. Bild © Imago

Trotz schwieriger Vorbereitung startet der Wiesbadener Christian Reichert bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Budapest. Im Interview mit dem hr-sport spricht er über seine Form, die Stärken der deutschen Freiwasser-Athleten und warum die kleine Tochter das Schwimmbad liebt.

Ein ordentlicher Wellengang, Strömungen, gegen die man ankämpfen muss, und Gegner, die gerne mal Tritte verteilen – Christian Reichert liebt die Rennen am meisten, die hart sind. In seiner Vorbereitung auf die Weltmeisterschaften warfen den Freiwasserschwimmer gleich mehrere grippale Infekte zurück. Doch in Budapest will er sich auf seiner Paradedisziplin, den zehn Kilometern, wieder nach ganz vorne kämpfen. Seit Samstag ist Christian Reichert in Ungarn und bereitet sich auf sein Rennen vor.

hr-sport: Sie kommen gerade vom Training im Plattensee und haben zuvor auch Ihrer hessischen Kollegin Angela Maurer beim Zehn-Kilometer-Rennen zugeschaut (Anm. d. Red. Platz 14). Was haben Sie für einen Eindruck von dem Gewässer?

Christian Reichert: Es ist eines mit einem ganz klaren Kurs, ohne richtige Freiwasser-Sachen, sage ich mal. Wir haben quasi Beckenbedingungen. Keine Strömungen, kein richtiger Wellengang. Das liegt mir nicht so sehr. Ich bin ein absoluter Kämpfer und habe mittlerweile auch einiges an Erfahrung. Das kann ich am besten bei schwierigeren Rennen ausspielen. Umso härter ein Rennen wird, desto mehr liegt mir das.

hr-sport: Sie haben nach den Olympischen Spielen in Rio, wo Sie Neunter wurden, erst drei weitere Rennen gemacht. Das reichte, um sich für die Weltmeisterschaften zu qualifizieren – aber warum so wenige?

Reichert: Ich habe nach Rio erst ganz normal pausiert und bin dann krank geworden. Insgesamt habe ich dann sechs Wochen Pause machen müssen – so lange war ich noch nie aus dem Training. Ich hatte dann auch schnell mal zehn Kilo mehr drauf. Es gab einfach zu viele Veranstaltungen mit gutem Essen (lacht). Die hatte ich dann zwar schnell wieder runter, aber Anfang des Jahres bin ich dann noch mal krank geworden, weil ich mich bei meiner kleinen Tochter angesteckt hatte. Dadurch habe ich viele Weltcup-Rennen verpasst. Natürlich fehlt mir jetzt etwas die Wettkampfhärte. Ich bin auch definitiv nicht in derselben Form wie letztes Jahr vor den Olympischen Spielen. Aber ich bin einfach froh, dass ich mich trotzdem habe für die WM qualifizieren können. Ich werde mein Bestes geben und schauen, wozu es reicht.

hr-sport: Sie werden für die zehn Kilometer knapp zwei Stunden benötigen. Jetzt schwimmen Sie die ja nicht in Ihrer eigenen Bahn, sondern teilen sich die Strecke mit rund sechzig anderen Schwimmern. Wie viele Schläge muss man da im Wettkampf einstecken?

Reichert: Einige. Das wird echt von Jahr zu Jahr schlimmer, obwohl es natürlich auch Kampfrichter gibt, die auf den Booten nebenher fahren und mit Verwarnungen oder Disqualifikationen eingreifen. Aber wenn sechzig Leute um eine Boje wollen, um 90 oder auch 180 Grad, dann staut sich das natürlich und es gibt Tritte auf den Kopf oder die Brille. Am schlimmsten ist es, wenn man eingekesselt ist im Pulk. Das kostet sehr viel Energie und auch Zeit.

hr-sport: Die Freiwasser-Athleten sind in Deutschland wesentlich erfolgreicher als die Beckenschwimmer. Während die in einer Erfolgskrise stecken, sorgen die Freiwasserschwimmer regelmäßig für internationale Medaillen, wie zuletzt vier Mal Edelmetall bei der WM in Kazan. Wie erklären Sie sich diesen Unterschied?

Reichert: Ich vergleiche da gar nicht. Für mich sind das zwei verschiedene Sportarten. Ich kann nicht über die Beckerschwimmer urteilen, da fehlt mir auch der Einblick. Wir Freiwasserschwimmer trainieren einfach sehr hart. Ich fahre zum Beispiel für intensive Trainingsblöcke immer an den Bundesstützpunkt nach Würzburg, wo ich ja auch ursprünglich her komme. Unser Bundestrainer Stefan Lurz ist dort, der ja auch mein Heimtrainer ist, und einige andere starke Athleten auch. Es ist einfach noch mal etwas anderes, ob du gegen die Uhr schwimmst, oder einen Partner an der Seite hast, der dich zieht.

hr-sport: Privat haben Sie Ihre Frau Nadine an der Seite, die bis zur Geburt Ihrer Tochter Mia-Sophie vor dreieinhalb Jahren auch Freiwasserschwimmerin war. Wächst bei Ihnen in Wiesbaden womöglich schon das nächste Schwimm-Talent auf?

Reichert: Nein, wir drücken da gar nicht aufs Schwimmen. Die Kleine soll einfach das machen, was ihr Spaß macht. Gerade ist das vor allem Kinderturnen, da geht sie zwei Mal die Woche hin. Aber klar, sie geht auch gerne ins Wasser. Sie ist das Schwimmbad schließlich gewohnt und kommt auch oft mit, wenn der Papa trainiert. Aber ganz ehrlich, das ist weniger wegen mir oder dem Schwimmen, sondern vor allem wegen einem: der Rutschen.

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