Michael O'Leary, Chef der irischen Fluggesellschaft Ryanair, in Frankfurt.
Michael O'Leary, Chef der irischen Fluggesellschaft Ryanair, in Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa

Ryanair will die Zahl seiner Ziele ab Frankfurt im Winter versechsfachen. Reisenden winken niedrige Preise, wenn der Billigflieger Lufthansa-Monopolstrecken angreift. Aber was bedeutet das für Anwohner und die Konkurrenz?

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Der Ryanair-Boom

Ende März eröffnet der irische Billigflieger Ryanair seine neue Basis am Frankfurter Flughafen: mit zwei Maschinen und vier Zielen in Spanien und Portugal. Noch vor dem Premierenflug hat Ryanair-Chef Michael O'Leary am Dienstag eine weitere Expansion für den Winter angekündigt: Die Frankfurter Flotte soll von zwei auf sieben Maschinen wachsen, die Zahl der Ziele von vier auf 24. Angepeilt sind in Frankfurt 2,3 Millionen Passagiere im Jahr.

Was bedeutet das:

für Reisende: Mit Kampfpreisen ab 9,99 Euro wird es mehr und günstigere Europa-Ziele geben, auch wenn das Ticket in der Regel etwas mehr kosten wird. Erfahrungsgemäß fallen auf den Strecken auch bei der Konkurrenz die Preise. Besonders bemerkbar dürfte sich das bei Zielen machen, bei denen die Lufthansa bislang ein Monopol hatte, etwa Toulouse oder Krakau. Klar ist: Ryanair verbirgt nicht, dass es hier um das Massengeschäft geht, Leute möglichst günstig in einer Blechröhre von A nach B zu schaffen. So fühlt es sich auch an. Jedes Extra kostet - allerdings nähert sich auch die Konkurrenz diesem Modell. Nicht anbieten wird Ryanair Langstrecken- und Inlandsflüge.

für Anwohner: Mehr Flüge machen mehr Lärm, auch wenn die Ryanair-Flotte mit einem Alter von im Schnitt fünf Jahren vergleichsweise neu ist. Der Flughafen unterscheidet zwölf Lärm-Kategorien, die von Ryanair ausschließlich eingesetzte Boeing 737-800 fällt in die drittleiseste. Im Sommer ist der Flugplan mit zwei Mittelmeer-Flügen am Tag je Maschine noch locker gestrickt. Doch Flüge in den Randzeiten werden zunehmen, weil Ryanair auf kurze Standzeiten setzt und seine ab Winter sieben Maschinen auslasten will. Das heißt: Die Maschinen starten erstmals früh und kommen erst kurz vor 23 Uhr vom letzten Flug zurück. Die erlaubte Kapazität in den Randstunden gibt das her. Ab wann die Lärmpausen mit abwechselnder Bahn-Belegung nicht mehr funktionieren, hat das Verkehrsministerium allerdings nie gesagt. Und es sollen ja noch mehr Billigflieger-Jets kommen.

für den Flughafen: Zu lange hatte der börsennotierte Frankfurter Flughafen auf seine Funktion als Interkontinental-Drehkreuz und die Geschäftskunden von Platzhirsch Lufthansa vertraut. Doch Lufthansa tritt auf der Stelle. Wenn in der Luftfahrt noch etwas wächst, sind es die Billigflieger. Das Discount-Geschäft brummt etwa in Köln/Bonn. Immer mehr Passagiere selbst aus der Region fliegen darum von anderen Flughäfen ab. In Frankfurt liegen die durch den Bau der neuen Landebahn geschaffenen Kapazitäten brach. Fraport-Chef Stefan Schulte hat nun den Flughafen durch Gebührenrabatte für neue Airlines für Billigflieger geöffnet. Im vergangenen Jahr zählte Frankfurt 60,7 Millionen Passagiere (minus 0,4 Prozent). Die angepeilten 2,3 Millionen Ryanair-Passagiere würden da schon 3,7 Prozent ausmachen - und die Zeichen stehen auf noch mehr Ryanair-Wachstum. Der Flughafen schließt inzwischen selbst einen Ausbau bestehender Terminals nicht mehr aus, bis 2023 das Terminal3 fertig wird

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Lufthansa protestiert gegen Rabatte für Ryanair am Frankfurter Flughafen

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für Ryanair: Der irische Billigflieger hat den Markt abgelegener Regionalflughäfen nahezu ausgereizt, will aber weiter aggressiv wachsen. Mit dem Gang an große Flughäfen wie Frankfurt will Ryanair Kunden gewinnen, denen der Weg nach Hahn oder anderswohin zu weit ist. In Frankfurt zielt Ryanair auch auf Geschäftsreisende, die am Ende 25 Prozent der Passagiere ausmachen sollen. Frankfurt werde nie eine ganz große Ryanair-Basis werden, sagte Chef O'Leary am Freitag. Aber er könne sich langfristig schon 10 bis 20 Maschinen und 8 bis 10 Millionen Passagiere im Jahr vorstellen. Für O'Leary wohl ebenso wichtig: Er ärgert Lufthansa an ihrem Stammsitz. Seitenhiebe auf die deutsche Airline gab es vor den Journalisten im Minutentakt. O'Leary macht kein Geheimnis daraus, dass ihm Attacken auf Lufthansa Schlagzeilen bringen und damit kostenlose Werbung.

für Beschäftigte: Gewerkschaften werfen Ryanair Leiharbeit und unverantwortliche Arbeitsbedingungen in Cockpit und Kabine vor. Die Fluglinie widerspricht stets ebenso vehement. Klar ist: Anders als bei Lufthansa räumt zum Beispiel die Besatzung den Flieger tagsüber selbst aus, angemietete Putzkräfte kommen erst am Abend. Ryanair rechnet vor, durch seinen Betrieb würden indirekt 1.750 Arbeitsplätze geschaffen. Gewerkschaften verweisen aber darauf, Ryanair versuche, Preise und Tarife zu drücken - und setze damit eine Abwärtsspirale am Standort in Gang.

für die Konkurrrenz: Auf europäischen Strecken wird Ryanair die Lufthansa unter Druck setzen. Im nächsten Jahr schickt die Lufthansa darum ihren eigenen Billigflieger Eurowings ins Rennen, bislang hatte sie Frankfurt für ihre Kernmarke "Lufthansa" reserviert. Lufthansa bleibt in Frankfurt mit 190 stationierten Maschinen, 165 Zielen und jährlich 39 Millionen Passagieren unangefochten Platzhirsch. Zudem bleibt ihr die attraktive Langstrecke. Schwerer dürfte die Lage für den Ferienflieger Condor werden, der bei vielen Ferienzielen (etwa den Kanaren) Billigkonkurrenz bekommt.

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für die Politik: Aus wirtschaftlicher Sicht hat der Flughafen wohl in letzter Minute auf den Low-Cost-Boom reagiert, die Politik in Hessen aber muss erkennen: Sie kann offenbar nur zuschauen, wenn eine Aktiengesellschaft wie Fraport den Kurs ändert - selbst wenn sie zu großen Teilen im Besitz der öffentlichen Hand ist. Die Mehrheit im Landtag hat ohnehin wenig dagegen, übt allenfalls Kritik an den Arbeitsbedingungen bei den Billigflug-Anbietern. Rechtlich wäre es ohnehin kaum möglich, einzig Ryanair zu bremsen. Vor allem Verkehrsminister Tarek Al-Wazir und Fraport-Aufsichtsrat Frank Kaufmann (beide Grüne) müssen sich daran gewöhnen, dass in ihrer Amtszeit der Flughafen zum Billigflieger-Standort wird. Der Ausbau geht weiter.

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