Geschäftsführer Robert Egelhofer im Zweitausendeins-Laden in Frankfurt
Hier fing es an, hier hört es auf: Geschäftsführer Robert Egelhofer schließt im März den Zweitausendeins-Laden in Frankfurt. Bild © picture-alliance/dpa

Zweitausendeins ist das Kult-Kaufhaus der 68er-Generation für Musik und Literatur. Jetzt gehen im Stammladen in Frankfurt nach knapp 50 Jahren die Lichter aus. Alte Fans sind untröstlich, doch der Verlag sieht seine Zukunft ohnehin woanders.

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Kunde vor dem Zweitausendeins-Laden in Frankfurt

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Daddy Schneider kann es immer noch nicht fassen: "Sogar Institutionen, die einen durch das ganze Sammlerleben mit Büchern und Tonträgern begleitet haben, sind plötzlich nicht mehr da!", empört sich der Stammkunde im "Kondolenzbuch".

Der kleine schwarze Band liegt auf dem Verkaufstresen im Zweitausendeins-Laden am Kornmarkt in der Frankfurter Innenstadt aus. In den Kommentaren ist außer Zorn über die "schlimmen Zeiten" vor allem viel Wehmut zu spüren. Denn am kommenden Samstag (18. März) schließt diese "Institution" für immer.

Bob Dylan, Jazz, Klassik zu zivilen Preisen

Mit dem Laden, der zuletzt nur noch ums Überleben kämpfte, wird auch ein Stück deutsche Kulturgeschichte zu Grabe getragen - zumindest im traditionellen Einzelhandel. In Frankfurt schließt nun der letzt eigenständige Laden. Als Online-Kaufhaus wird Zweitausendeins weiter existieren.

Wie kaum eine andere Institution hat Zweitausendeins, 1969 in einer Frankfurter Studentenwohnung gegründet und seit einigen Jahren mit Sitz in Leipzig, der anderen deutschen Buchmessenstadt, den Zeitgeist der 68er-Generation kultiviert. Damals ging es noch um die Verbreitung rebellischer Literatur und Musik wie der von Bob Dylan, den Rolling Stones oder Leonhard Cohen, die alle zu Ikonen wurden. Später fand auch viel Jazz und Klassik - stets zu zivilen Preisen - Eingang ins Sortiment.

Mit Büchern provozierten einst die Karikaturisten der "Neuen Frankfurter Schule" wie Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, Hans Traxler oder F.K. Waechter. Zum Riesenerfolg wurde 1980 der im Verlag Zweitausendeins erschienene Umweltbericht "Global 2000", der vom damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter in Auftrag gegeben worden war.

Der Geschäftsführer fing hier vor 40 Jahren an

Darauf ist Robert Egelhofer, Geschäftsführer des Zweitausendeins-Ladens in Frankfurt, immer noch stolz. Der 58-Jährige stieß schon 1977 als junger Ferienjobber zu Zweitausendeins. In den 1990er Jahren erreichte Zweitausendeins mit Versand und Läden sogar einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Dann ging es bergab - vor allem wegen der digitalen Revolution im Musikgeschäft.

CDs und Bücher im Zweitausendeins-Laden in Frankfurt
Manche Buchausgaben und Musikeditionen gab es nur hier: bei Zweitausendeins in der Frankfurter Innenstadt. Bild © picture-alliance/dpa

Die Frankfurter Gesellschafter verkauften 2006 Versand und Verlag an die Brüder Rainer und Michael Kölmel ("Kinowelt") in Leipzig. Zunächst wurden auch neue Läden eröffnet. 2012 trennte sich Zweitausendeins wieder vom teuren Filialnetz und setzte auf das Franchise-Verfahren. In Frankfurt übernahm Egelhofer 2013 auf eigene Faust den Laden. Er nahm zusätzlich Bestseller ins Programm und kaufte Restposten von Verlagen auf - von anspruchsvollen Suhrkamp-Romanen bis zu Kochbüchern.

Dennoch ging der Umsatz zurück - jüngst nochmals deutlich im Weihnachtsgeschäft, wie Egelhofer sagt. Außerdem könne er das legendäre "Merkheft" aus Kostengründen den Kunden nicht mehr anbieten. Zweitausendeins in Leipzig kooperiert beim Vertrieb des eng bedruckten Warenkatalogs im Umfang von mehreren hundert Seiten mit einem neuen Partner. "Das hat uns die Geschäftsgrundlage entzogen", sagt Egelhofer nüchtern.

Nur noch als Shop-im-Shop in Buchläden

Der studierte Diplom-Kaufmann sieht dem Ende seines Ladens aber ohne Pathos entgegen. Noch liegen am Eingang Bildbände zum Frankfurt der 1950er Jahre aus - zusammen mit Paul Austers dickem neuen Roman "4 3 2 1". Auch der "Titanic"-Sammelband und ein Buch zur "ultimativen Gitarrensammlung" sind noch zu haben. Ansonsten sind die Regale bereits ziemlich gelichtet. Langsam wird der Kult-Laden ausverkauft.

Das Licht in der Urzelle von Zweitausendeins müsste spätestens Ende März ausgehen, nun passiert es schon Mitte des Monats. Sang- und klanglos übrigens, es wird kein Abschiedsfest geben, wie der Geschäftsführer sagt. Wer künftig nicht nur online bei Zweitausendeins einkaufen will, kann Produkte des Verlags in bundesweit mehr als 30 Buchläden finden, mit denen er als Shop-im-Shop kooperiert. Die nächstgelegenen sind in Darmstadt, Gießen und Marburg.

Das Aus für den Frankfurter Laden sei zwar schade, sagt der Verlagsgeschäftsführer Andreas Kalski in Leipzig. Für sein eigenes Unternehmen sieht er aber weiter eine Zukunft - vor allem im Internet und in den sozialen Netzwerken: "Wir wollen auch jüngere Kunden ansprechen."

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