Mitarbeiter tragen T-Online-Redaktion zu Grabe
Mitarbeiter von T-Online tragen ihre Redaktion symbolisch zu Grabe. Bild © RIP T-Online

Ende März geht bei T-Online in Darmstadt das Licht aus, das Online-Portal wird danach komplett in Berlin erstellt. Die letzten Tage am alten Standort wirken skurril: Gearbeitet wird kaum noch, mit nach Berlin geht so gut wie keiner.

Im Großraumbüro 2C201 ist nichts mehr so wie früher. Dort, wo jahrelang das Internet-Angebot t-online.de von insgesamt 108 Redakteuren mit Leben gefüllt wurde, macht sich Tristesse breit. Wut auf den Arbeitgeber mischt sich mit Abschiedsschmerz. Sinnvolles Arbeiten ist rund zwei Wochen vor dem endgültigen Aus des Darmstädter Standorts nicht mehr für alle möglich. An den Mitarbeitern liegt das jedoch nicht.

Der Tod klopft schon an die Tür

Ende März wird in der T-Online-Allee 1 in Darmstadt der letzte Klick generiert, die Redaktion wird nach dem Verkauf an den Werbevermarkter Ströer aufgelöst und in Berlin mit deutlich weniger Personal neu aufgebaut. Da die Übergabe der einzelnen Ressorts von Südhessen in Richtung Hauptstadt allerdings stückweise erfolgt, hat das teils absurde Auswirkungen auf den Arbeitsalltag in Darmstadt. Die Redakteure vom Sport oder der Unterhaltung erscheinen zwar noch vorschriftsmäßig zum Dienst, Einfluss auf die Seite haben sie aber nur noch in homöopathischer Dosis. Die Entscheidungsgewalt liegt in Berlin.

Soeben letzten Artikel für @TOnline_TopNews geschrieben. Keine Spur von Erleichterung. Eher bleierne Schwere. 😞 War ne tolle Zeit #abschied d

"Man merkt, dass es stramm dem Ende entgegengeht. Die Unterschiede zu den vergangenen Jahren sind gravierend", sagt ein langjähriger Mitarbeiter. Die Stimmung im Büro ist gedrückt, viele Mitarbeiter haben nach dem vorzeitigen Umzug der eigenen Abteilung schlicht nichts mehr zu tun.

Offiziell unterstützen sie die einzig verbliebene Fachredaktion: die Nachrichten. Da aber auch im täglichen News-Geschäft die Themen irgendwann aufgebraucht sind, wird die Schicht oft anderweitig genutzt. Einige schreiben Bewerbungen, andere suchen im Internet nach Stellen-Ausschreibungen, im Backoffice wird jongliert. "Man vertreibt sich eben die Zeit." Für Ströer letztlich ein nicht zu umgehendes Szenario. "Ein sukzessiver Übergang ist in einem solchen Fall branchenüblich", sagt Unternehmenssprecher Marc Sausen.

Berlin, Berlin, keiner will nach Berlin

Ein klassischer Fall von großer Diskrepanz zwischen Arbeitgeber-Interessen auf der einen und Arbeitnehmer-Bedürfnissen auf der anderen Seite. Hier das Unternehmen, da der Mensch. Das Unverständnis über die Entscheidung, eine bestehende, funktionierende und wirtschaftlich ertragreiche Redaktion aufzulösen, ist groß. "Man merkt schon jetzt, dass sich an der Arbeitsweise nicht viel ändern wird", sagt ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden möchte. "Letztlich leidet in unseren Augen einfach nur die Qualität der Texte."

In der Berliner Zentralredaktion von Ströer, in der bislang 170 Redakteure Special-Interest-Portale wie spieletipps.de, GIGA.de oder erdbeerlounge.de bestücken, wurden rund 60 neue Stellen geschaffen. Wie viele davon letztlich alleine für den Neuling T-Online tätig sein werden, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass das in Darmstadt in über 21 Jahren angeeignete Knowhow nur in sehr geringen Mengen genutzt wird.

"Es geht nur eine Handvoll Kollegen mit", heißt es aus dem derzeitigen Mitarbeiterkreis. "Kein Kommentar", heißt es von Ströer. "Wir können aber sagen, dass sich 80 Prozent für die Transfergesellschaft entschieden haben", sagt Sprecher Sausen. Dort werden die ehemaligen T-Online-Redakteure im Rahmen eines Sozialplans über einen bestimmen Zeitraum finanzielle Zuwendungen erhalten.

Krank meldet sich kaum jemand

Abzüglich derer, die bereits einen neuen Job gefunden haben, heißt es deshalb für die meisten der 108 Betroffenen nun: langsam Abschied nehmen. Eine kollektive Krankheitswelle als Zeichen der Unzufriedenheit, wie etwa bei Tuifly im vergangenen Jahr, gab es nicht. Nach einer symbolischen Beerdigung der Redaktion im November ist man auf der Trauerfeier bereits zum geselligen Teil übergegangen. "Wir kommen alle bis zum Schluss, da jeder einfach die Kollegen noch mal sehen will."

Ab dem 28. März wird dann auch die T-Online-Nachrichtenseite von Berlin aus gesteuert, in Darmstadt folgen drei Tage ohne echte Aufgabe. "Da wollen sich noch einmal alle hier treffen. Wir werden dann anstoßen, auf die alten Zeiten."

Komisches Gefühl: Nach fast 10 Jahren meinen (gezwungenermaßen) letzten Redaktionsdienst für t-online.de absolviert... #byebye #ZeitfürNeues

Anmerkung der Redaktion: Autor Mark Weidenfeller war in der Vergangenheit unter anderem für das Internetportal "t-online.de" tätig.

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