Geld Kasse Supermarkt Sujet
An der Supermarktkasse bleibt Bargeld bevorzugt. Bild © picture-alliance/dpa

Deutsche-Bank-Chef John Cryan prophezeit die Abschaffung von Bargeld und erntet damit heftigen Widerspruch aus Hessen: Sozialverbände sehen den Banker fernab des wirklichen Lebens. Ein Supermarkt-Mitarbeiter berichtet aus der Praxis.

- "Haste mal ‘nen Euro?"
- "Mit Karte oder lieber per Überweisung?"

Was Bettlern und Spendensammlern auf hessischen Einkaufsmeilen gründlich das Geschäft verhageln würde, könnte laut Deutsche-Bank-Chef John Cryan bald Realität sein: Die Abschaffung des Bargelds. Aufwendig in Herstellung und Sicherung, leicht zu klauen und Basis vieler krimineller Machenschaften. Also weg damit!?

Innerhalb der nächsten zehn Jahre würden Scheine und Münzen verschwinden, prophezeite Cryan in dieser Woche beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos. "Cash ist fürchterlich teuer und ineffizient", urteilte der Brite – freilich, ohne sich auch nur einen Heiermann um Flohmarkt-Händler, Wurstbuden-Betreiber oder Klofrauen zu scheren.

VdK: Vorschlag an Realität vorbei

John Cryan hält sich den linken Zeigefinger an die Lippen.
Deutsche-Bank-Chef John Cryan sorgt für Diskussionen. Bild © picture-alliance/dpa

"Wer so etwas sagt, nimmt am normalen gesellschaftlichen Leben nicht teil", kritisierte nun der Sprecher des Sozialverbands VdK Hessen-Thüringen, Philipp Stielow, im Gespräch mit hessenschau.de. Allein angesichts von wachsender Altersarmut, Langzeitarbeitslosigkeit und immer mehr Geringverdienern sei das Zahlen mit EC- und Kreditkarte kaum die passende Lösung. "Für solchen Formen des Geldverkehrs braucht man Vermögen", meinte Stielow. Die Kreditwürdigkeit sei aber längst nicht bei jedem gegeben.

Für den Verbandssprecher steht fest: "Der Vorschlag schließt in zehn Jahren ein Drittel der Gesellschaft aus." Und unabhängig von der Bonität stießen zudem gerade ältere Menschen etwa beim Thema Onlinebanking an ihre Grenzen. So gelten IBAN, BIC und TAN gemeinhin nicht als die besten Freunde von Ilse, Berthold oder Trude.

Vier von fünf Rechnung in bar

Der Deutsche hat seine Scheine und Münzen einfach gern. Mehr als die Hälfte der Umsätze im Einzelhandel wurden laut der letzten Erhebung bundesweit mit Bargeld abgewickelt. Diese Zahlen seien auch für Hessen repräsentativ, teilte der Handelsverband Hessen Süd auf Nachfrage mit. Vier von fünf Rechnungen werden demnach cash gezahlt und damit so viele wie in kaum einem anderen europäischen Land. Zwar sprießen immer neue elektronische Zahlungsarten - gerade mit dem Smartphone - aus dem Boden, so recht durchgesetzt hat sich aber noch keine.

Das sieht auch Markus Vogel vom Frankfurter Scheck-in-Center so. Der Supermarkt im Ostend zählt mit rund 5.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und täglich 2.500 Kunden zu den größten der Stadt. "Bei uns werden etwa 40 Prozent der Einkäufe mit Karte gezahlt", berichtete der stellvertretende Marktleiter vom zurückhaltenden Einsatz der Plastikwährung. Unabhängig vom Betrag gebe es viele Konsumenten, die prinzipiell in bar zahlen. Es geht um bessere Ausgabenkontrolle, die Sorge vor Datenklau oder schlicht das gute Gefühl, ein paar Geldscheine in der Hand zu haben.

Serverausfall stoppt Kartenzahlung

Ausreichend Flüssiges in Papierform kann aber auch ganz praktische Vorteile haben, wie Supermarkt-Mann Vogel weiß. "In der Vorweihnachtszeit ist mal samstags unser Server abgestürzt. Da war keine Kartenzahlung mehr möglich", erinnerte sich der 29-Jährige. Die Folge: Wer nicht genug Bargeld hatte, musste sich zunächst am hauseigenen Geldautomaten versorgen und dann zur Kasse zurückkehren. Bankchef Cryan wäre sicher verrückt geworden, hatte aber wohl nicht an der Schlange angestanden. Wetten? Einen Zehner? Natürlich per Überweisung.     

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