Finanzplatz Frankfurt am Main und Finanzplatz London
Finanzplatz Frankfurt am Main und Finanzplatz London Bild © Collage: hessenschau.de, Fotos: dpa/lhe, Imago

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange wollen fusionieren. Was das für den Finanzplatz Frankfurt bedeutet und welche Risiken mit London als Hauptsitz des neuen Konzerns einhergehen, erklärt Börsen-Experte Christoph Schalast.

Ende der vergangenen Woche machten die Deutsche Börse mit Sitz in Eschborn (Main-Taunus) vor den Toren Frankfurts und die London Stock Exchange (LSE) ihre Fusionspläne öffentlich. Viele Details stehen bereits fest. So soll der Hauptsitz des Konzerns London sein und der bisherige Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, Chef der fusionierten Börsen werden. Bis 22. März muss nach britischen Vorgaben ein bindendes Angebot gemacht werden, sonst wird der Deal vorerst abgeblasen.

Was von den Fusionsplänen zu halten ist, erklärt Christoph Schalast im Interview mit hessenschau.de. Schalast ist Rechtsanwalt und Notar mit den Schwerpunkten Bank- und Finanzmarkrecht und leitet den Studiengang für Unternehmensübernahmen an der Frankfurt School of Finance & Management. Er sieht in den Fusionsplänen eine ernsthafte Gefahr für die Bedeutung des Börsenstandorts Frankfurt sowie einen großen Verlust für die Stadt.

hessenschau.de: Herr Schalast, welche Auswirkungen könnte die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange haben?

Christoph Schalast: Die Pläne führen dazu, dass die Bedeutung des Finanzplatzes Frankfurt langfristig abnehmen wird, weil der Sitz der fusionierten Börse London werden soll. Und vollkommen unabhängig davon, wie man die bittere Pille süß verpackt: An dem formalen Sitz wird auch mehr Business stattfinden. Das heißt, dort fallen die wichtigen Entscheidungen. Auch darüber, ob neue Marktsegmente in London oder Frankfurt angesiedelt werden.

hessenschau.de: Was wären die Vorteile für die Frankfurter Börse?

Christoph Schalast
Christoph Schalast leitet den Studiengang für Unternehmensübernahmen an der Frankfurt School of Finance & Management. Bild © Frankfurt School of Finance & Management.

Schalast: Die Frankfurter Börse steht unter Druck – ihre Marktposition hat in den letzten Jahren im Verhältnis zu den Wettbewerbern klar verloren. Die Strategie, sich zusammenzuschließen und mehr internationale Schlagkraft zu entwickeln, ist nicht falsch. Was Finanztechnologien angeht, hat London Frankfurt zum Beispiel inzwischen komplett hinter sich gelassen.

hessenschau.de: Welche Auswirkungen könnte die Fusion auf die Finanzplatzstruktur innerhalb der Europäischen Union haben?

Schalast: Der Zusammenschluss würde die Wettbewerbsfähigkeit der fusionierten Börse stärken, die massiv gegenüber den Wettbewerbern aus den USA und Asien unter Druck steht. Der Anbieter London-Frankfurt würde mit der Fusion viel stärker werden, so dass es mittelfristig zu einer Schwächung der anderen kontinentaleuropäischen Finanzplätze wie Amsterdam und Paris kommen würde. 

hessenschau.de: Was spräche dagegen, dass mit der Fusion Frankfurt statt London Hauptsitz wird?

Schalast: Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, sondern alles dafür. Normalerweise ist der Hauptsitz bei dem stärkeren Partner. London ist von der Bedeutung als Finanzplatz größer, vom Börsenwert her gemessen jedoch kleiner als Frankfurt – deswegen verstehen viele Menschen nicht, warum der kleinere Partner das größere Stück vom Kuchen bekommt. Die Briten würden so etwas mit sich jedenfalls nicht machen lassen. Ich vermute, dass London möglicherweise in Bezug auf den Brexit, den möglichen Ausstieg aus der Europäischen Union, ein Bein auf dem europäischen Kontinent behalten will.

hessenschau.de: Sind Gewerbesteuern und Arbeitsplätze in der Region gefährdet?

Schalast: Gewerbesteuern gehen dann zurück, wenn der Umsatz, der in der Region generiert wird, fällt. Das wäre der Fall, wenn Umsätze und Marktsegmente nach London wandern sollten. Wir wissen aber noch nicht, was im Detail geplant ist. Es wird bei einer Fusion mit Sicherheit auch Arbeitsplatz- und Standortgarantien geben. Aber in der Regel gelten diese nur für vier bis fünf Jahre. Danach entscheiden der Markt und die Leitung der Börse.

hessenschau.de: Wie gut stehen die Chancen, dass die Fusionspläne überhaupt genehmigt werden?

Schalast: Die Genehmigung durch die hessische Börsenaufsicht sehe ich als kleinere Hürde. Ihre Aufgabe ist es hauptsächlich sicherzustellen, dass die Funktion der Börse gewährleistet ist. Problematischer sind die Kartellbehörden: das deutsche, englische oder das europäische Kartellamt muss zustimmen. Der bislang letzte bekannt gewordene Versuch, als 2012 die Deutsche mit einer amerikanischen Börse fusionieren wollte, ist auch am Widerstand der Kartellbehörden gescheitert.

hessenschau.de: Also stehen die Pläne noch auf wackeligen Füßen?

Schalast: Der Prozess ist ja schon relativ weit – insofern dass Vorstandsvorsitzender und Hauptsitz schon entschieden sind. Wenn ich als Vorstand der Frankfurter Börse Fusionspläne hätte, würde ich nicht ins kalte Wasser springen. Zuerst hätte ich mit den zuständigen Behörden schon Gespräche geführt und erst danach ernsthafte Pläne gemacht. Ich vermute, dass die Frankfurter und die Londoner Börse das auch so gemacht und dass sie positive Signale bekommen haben.

hessenschau.de: Was ist Ihr persönliches Gefühl zu der geplanten Fusion?

Schalast: Vielen Frankfurtern ist es vielleicht gar nicht so bewusst, dass Börse und Messe das absolute Herz dieser Stadt sind. Wenn man eines von den beiden hergibt, ist das schon ganz schön heavy.

Das könnte Sie auch interessieren