Lang-Lkw sind so lang wie ein Schwimmbecken und daher nicht unumstritten. Die sogenannten Gigaliner dürfen ab heute regulär auf ausgewählten hessischen Straßen fahren. Wir zeigen Ihnen, wo.

Gigaliner
Gigaliner dürfen ab heute regulär auf hessischen Straßen fahren. Bild © picture-alliance/dpa

Seit diesem Montag dürfen die sogenannten Gigaliner regulär auf deutschen - und damit auch auf hessischen - Straßen fahren. Fünf Jahre lang hat das Bundesverkehrsministerium die Lang-Lkw getestet, die mit bis zu 25,25 Metern ganze 6,50 Meter länger sind als herkömmliche Sattelschlepper. Im Dezember wertete Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) den Test positiv.

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Wie im ganzen Bundesgebiet dürfen die Gigaliner in Hessen nur auf bestimmten Strecken fahren. Sie sind im "Positivnetz" des Verkehrsministeriums vermerkt. 75 hessische Straßen sind dort aufgeführt: 14 Autobahnen, fünf Bundesstraßen und 56 Strecken aus dem sogenannten nachgeordneten Netz. Das sind Straßen in Ortschaften, in der Regel Zubringer zu Gewerbe- und Industriegebieten. Fast das komplette Autobahnnetz in Hessen ist für die XXL-Laster freigegeben.

Autobahnen in Hessen, auf denen Lang-LKW fahren dürfen
Bild © hessenschau.de

In Hessen - gemäß der Eigenwerbung "An Hessen führt kein Weg vorbei" - wird sich der Transitverkehr bemerkbar machen. Viele Lang-Lkw werden die Hauptstrecken auf der Durchreise passieren. In den Innenstädten und Wohngebieten wird man die Giganten nicht zu sehen bekommen, sie sind Sperrzone.

Maximal 40 Tonnen und nur bestimmte Waren

Wie Marco Kreuter, Sprecher des hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministeriums, mitteilt, dürfen die Speditionen Gigaliner nur für bestimmte Aufgaben einsetzen. Die Riesen dürfen beispielsweise nur Gewerbegebiete anfahren, um Verteilzentren zu erreichen, den Einzelhandel in der Fläche aber nicht direkt beliefern.

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Gigaliner dürfen maximal 25,25 Meter lang sein und in Deutschland bis zu 40 (in manchen Fällen 44) Tonnen wiegen. In anderen Ländern sind zum Teil noch größere Fahrzeuge mit bis zu 60 Tonnen im Einsatz. Solche Riesen-Lkw soll es laut Bundesverkehrsministerium in Deutschland nicht geben.
Die Bundesregierung verwendet nicht den Begriff "Gigaliner", jedoch hat er sich im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Auch das hessische Verkehrsministerium benutzt den Begriff. Mehr dazu auf tagesschau.de.

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Eine Einschränkung gibt es auch bei der Ladung: Zwar könnten die größeren Lkw weit mehr Gewicht transportieren als ihre kleineren Kollegen, doch laut der entsprechenden Verordnung dürfen die Gigaliner nicht mehr wiegen als normale Sattelschlepper, also maximal 40 Tonnen.

Die Verordnung gibt sogar vor, dass "überwiegend Güter befördert werden, die aufgrund ihrer besonders geringen Dichte einen im Vergleich zu sonstigem Beförderungsgut besonders hohen Platzbedarf haben", wie Ministeriumssprecher Kreuter erläutert. Das betrifft zum Beispiel Kosmetikartikel und Papierprodukte.

Speditionen sehen Vorteile

Wegen dieser Einschränkungen rechnen Experten mit einem Gigaliner-Anteil von gerade einmal einen Prozent unter den Lkw. Dennoch sehen Speditionen klare Vorteile, wie Thorsten Hölser vom Speditions- und Logistikverband berichtet: "Die Unternehmen erhoffen sich von den Lang-Lkw, dass sie weniger Fahrzeuge einsetzen müssen. Grob gesagt, braucht man statt drei Standard-Lkw nur zwei Lang-Lkw und spart dadurch ein Fahrzeug ein." Damit könne man auch dem Fahrermangel in der Branche begegnen.

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Verordnung

Den Einsatz der Gigaliner regelt die Verordnung über Ausnahmen von straßenverkehrsrechtlichen Vorschriften für Fahrzeuge und Fahrzeugkombinationen mit Überlänge (LKWÜberlStVAusnV) vom 19. Dezember 2011. Der Anhang zu §2 listet das "Positivnetz" für Lang-Lkw auf.

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Auch der ADAC sieht Vorteile durch die neuen Lkw. Der Test habe gezeigt, dass das Vekehrsaufkommen geringer werde. Das bedeute auch weniger Staus. Wolfgang Herda vom größten deutschen Autoclub warnt die Autofahrer aber auch: "Diese Lkw sind bis zu 35 Prozent länger, das bedeutet eben auch einen um 35 Prozent längeren Überholweg." Das sollten vor allem Autofahrer auf Straßen mit Gegenverkehr beachten, bevor sie zum Überholen eines Gigaliners ansetzten.

Verbreitete Skepsis gegen Riesenlaster

In einer von der Initiative Allianz Pro Schiene im Jahr 2014 in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage sprachen sich drei Viertel der Bürger gegen die Zulassung von Gigalinern auf deutschen Straßen aus. Auch die Infrastruktur ist nicht bereit für die Riesenlaster: Bislang gibt es nur wenige Parkplätze, wo Lkw-Fahrer ihre vorgeschriebenen Pausen machen können. Nach Auskunft des Verkehrsministeriums in Wiesbaden ist in ganz Hessen nur ein Autohof für die Gigaliner zugelassen: der Autohof Neuberg an der A45 bei Erlensee (Main-Kinzig).

Das österreichische Verkehrsministerium schrieb 2012 in einem "Faktenblatt" zu Gigalinern, dass das Ziel, mehr Fracht von der Straße auf die Schiene zu verlagern, durch Gigaliner erschwert würde, weil wegen der Überlänge und des höheren Gesamtgewichts der Lkw kombinierter Verkehr nicht mehr möglich wäre: "74 Prozent des kombinierten Verkehrs würden von der Schiene wieder auf die Straße verlagert." Auch müsste die Infrastruktur an die Riesen angepasst werden, so das Bundesverkehrsministerium damals weiter: mit größeren Parkplätzen und Pannenbuchten, weiteren Tunnelradien und neuen Tunnellüftungen.