Flüchtling Marburg
Gehtu Mebrahthu (r.) und Rolph Limbacher Bild © Stefanie Hoppe/hr

Das Handwerk sucht dringend Fachkräfte, und viele Flüchtlinge würden gerne arbeiten. Da liegt es nahe, beide Seiten zusammenzubringen. Ein Marburger Friseur zeigt, wie es funktionieren kann.

Gehtu Mebrahtu aus Eritrea hat sich Handschuhe übergezogen. Er steht hinter einem Waschbecken im Friseur-Ausbildungssalon hairDome in Marburg und wäscht einer Kundin die Haare. Lächelnd und schweigend. Mit der deutschen Sprache tut sich der 25-Jährige noch schwer. Für die Kundin, Janina Klingelhöfer, kein Problem: "Er ist noch ein bisschen schüchtern, aber er gibt sich große Mühe und macht das ganz sorgfältig."

Mit Frau und Säugling geflohen

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Mit leiser Stimme und in gebrochenem Deutsch traut sich Gehtu Mebrahtu dann doch, ein paar Worte zu sagen. Er und seine Frau seien aus ihrer Heimat nach Deutschland geflohen – aus politischen Gründen. Genauer kann er es nicht erklären. Er habe eine zehn Monate alte Tochter, seine Frau sei mit dem zweiten Kind schwanger.

Deutschland finde er "gut", die Sprache allerdings sei "schwer", sagt er lachend. In Eritrea habe er bereits als Friseur gearbeitet – nun will er lernen, wie man in Deutschland Haare schneidet.

Chef und Arbeitsagentur helfen

Der Anfang ist gemacht: Seit Anfang August nutzt er ein Angebot der Agentur für Arbeit, die so genannte Einstiegsqualifizierung. Dabei gewinnt er Einblick in die deutsche Arbeitswelt und kann umgekehrt seine Leistungsbereitschaft unter Beweis stellen. Das hat sein Asylverfahren beschleunigt: Seit August ist Gehtu Mebrahtu asylberechtigt und hat damit auch Anspruch auf einen Sprachkurs.

Entscheidend dazu beigetragen hat die Initiative seines neuen Chefs Rolph Limbacher, der ausdrücklich auch Flüchtlinge im Friseurhandwerk beschäftigen will: "Wir haben eine soziale Verantwortung, die nehmen wir wahr", so der Inhaber von zwölf Domino-Friseurfilialen in Mittelhessen, sowie von hairDome.

Beide Seiten profitieren

Flüchtling Gehtu Mebrahtu bei der Arbeit in einem Marburger Friseurgeschäft.
Gehtu Mebrahtu im Friseursalon Bild © Stefanie Hoppe/hr

So ganz uneigennützig ist das natürlich nicht. Limbacher ist auch Obermeister der Friseur-Innung Marburg sowie Kreishandwerksmeister. Er vertritt also die Interessen der Handwerksbetriebe. "Wir hoffen, damit auch ein Stück weit den Fachkräftemangel der Zukunft abwenden zu können."

Insgesamt gebe es allein in seinem  Unternehmen 15 bis 20 offene Stellen, dazu 15 offene Ausbildungsstellen. Immer mehr Schulabgänger würden eine akademische Ausbildung anstreben, geeignete Bewerber im Handwerk hingegen gebe es immer weniger.

"Echte Perlen unter den Zuwanderern"

Das bestätigt Volker Breustedt, Leiter der Agentur für Arbeit in Marburg. Die Agentur hat im Juni dieses Jahres gemeinsam mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf eine hessenweit einzigartige Anlaufstelle für Zuwanderer geschaffen, das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge und Migranten. "Wir können mit den Flüchtlingen und Migranten, die hierher kommen, tatsächlich Lücken im Arbeitsmarkt schließen, denn es sind echte Perlen darunter."

Solche Perlen seien neben Handwerksgesellen zum Beispiel Pflegefachkräfte und Mediziner. Um ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, kümmert sich das Arbeitsmarktbüro um die Anerkennung von Berufsabschlüssen, bietet Weiterqualifizierung an, informiert über Sprachangebote und spricht gezielt mit Unternehmen. Offenbar mit Erfolg: Seit Juni seien bereits acht Personen vermittelt worden.

Die Sache mit dem Mindestlohn

Größtes Hindernis auf dem Arbeitsmarkt sind nach wie vor mangelnde Deutschkenntnisse. So hat Rolph Limbacher eine zur Friseurin ausgebildete Iranerin wieder nach Hause geschickt, weil sie sich mit den Kunden nicht verständigen konnte.

Aus seiner Sicht erschwerend bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sei auch der Mindestlohn. Praktikumsgehälter darf er nur einem bestimmten Personenkreis zahlen, Flüchtlinge gehören meist nicht dazu. Doch oft seien sie zu Beginn noch keine vollwertigen Arbeitskräfte, auch wegen fehlender Sprachkenntnisse: "Ich kann 8,50 Euro nicht für's Zugucken bezahlen", sagt er. "So gerne man das auch machen möchte, das ist wirtschaftlich nicht darstellbar." Von der Politik fordert er deshalb, Lösungen zu finden, die die Ausnutzung von Flüchtlingen einerseits verhindern, ihre Beschäftigung in Betrieben andererseits aber bezahlbar machen.

Ausbildungsvertrag winkt

Mit Gehtu Mebrahtu hat er jedenfalls einen gangbaren Weg gefunden. Der Eritreer nimmt nun vormittags an einem Sprachkurs teil, danach geht er in den Friseursalon. Die Arbeitsagentur übernimmt die Vergütung für die Einstiegsqualifizierung. Wenn Gehtu Mebrahtu sprachlich soweit ist, möchte Rolph Limbacher ihm einen Ausbildungsvertrag anbieten.

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