Network Waldeck-Frankenberg
Contra akademische Landflucht: Fabian Schmal, Martin Juhasz, Tim Oberlies, Jonatan Freund (v.l.) Bild © Network Waldeck-Frankenberg

Viele junge Nordhessen kehren mit Beginn des Studiums ihrer Heimat den Rücken. Derweil suchen Firmen dort händeringend Mitarbeiter. Studenten aus Korbach wollen die akademische Landflucht stoppen - mit Job- und Freizeitangeboten.

Vier Freunde sollt ihr sein: Die Korbacher Studenten Jonatan Freund, Martin Juhasz, Tim Oberlies und Fabian Schmal haben ein Netzwerk gegen Landflucht von Akademikern gegründet. Das Waldecker Land ist von ihrem Büro auf einem ehemaligen Heuboden im winzigen Ortsteil Nieder-Ense fast mit Händen zu greifen: Über eine lange Holzleiter geht es hinauf, vom Konferenztisch aus sehen sie die Felder und Wälder rund um Korbach. Ihre Heimat.

Vor ein paar Jahren haben die jungen Männer, alle vier um die 25, die ländliche Idylle für ihr Studium verlassen. Sie wollen zurück, wenn sie ihren Abschluss als Jurist, Betriebswirt oder Architekt in der Tasche haben - doch finden Akademiker angemessene Arbeit in der nordhessischen Provinz?

Von dieser Frage ausgehend haben sich die vier auf die Suche nach Angeboten im Kreis Waldeck-Frankenberg gemacht. Die stellen sie seit Anfang des Jahres online: auf der Jobbörse ihrer Homepage network-wf.de und auf ihrer Facebook-Seite. Aktuell sind elf Firmen und Unternehmer Teil ihres Network Waldeck-Frankenberg.

Hoffen auf Rudeleffekt

"Da spielt auch Heimatliebe mit hinein", erklärt Martin Juhasz: "Wir wollen einen Rudeleffekt auslösen. Wenn unsere Freunde nach dem Studium hierher zurückkommen, wird es auch für uns interessanter zurückzukehren." Vielen sei gar nicht klar, dass es in Waldeck-Frankenberg durchaus Perspektiven und Möglichkeiten für junge Menschen mit Hochschulabschluss gebe.

Ein Beispiel dafür ist die 24-jährige Marie Hoffmann. Sie studiert Zahnmedizin in Marburg und suchte eine Stelle als Famulantin, also Praktikantin. Eigentlich wollte sie nach Köln, wie sie berichtet: "Aber da hatten die Zahnärzte kein Interesse. Dann habe ich die Anzeige auf network-wf.de gesehen und mich daraufhin gemeldet."

Und so arbeitet Marie Hoffmann jetzt in einer Korbacher Zahnarztpraxis. "Ohne das Online-Netzwerk hätte ich die Stelle nie entdeckt", sagt sie. Es ist der erste Vermittlungserfolg für das Network Waldeck-Frankenberg - bislang der einzige, von dem sie wissen, wie Martin Juhasz sagt.

Nachwuchssorgen im Medizinbereich am größten

Zahnarzt Cyril Niederquell hatte die Stellenanzeige auf der Network-Seite eingestellt, erst mit wenig Hoffnung, wie er sagt. Denn wer wolle schon aufs Land, 40 Kilometer von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt, weit weg von jeder Uni-Klinik. Nach Auskunft der Kreisverwaltung sind im Medizinbereich die Nachwuchssorgen in Waldeck-Frankenberg am größten.

In Waldeck-Frankenberg gab es im Juli mit 4,6 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote in ganz Nordhessen. Und die Unternehmen im Kreis sorgen sich längst um den Nachwuchs, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Jens Deutschendorf (Grüne): "Die müssen zum Teil lang suchen und darum ringen, dass sie Menschen für ihre Stellenangebote gewinnen."

Angst vor Langeweile am Feierabend

Das hat vielleicht nicht nur mit den Jobs in der Region zu tun. Es müsse auch attraktive Freizeitmöglichkeiten geben, findet Martin Juhasz vom Network Waldeck-Frankenberg. Viele junge Akademiker gingen nicht aufs Land - aus Angst, sich zu langweilen, glaubt er. Doch auch in dieser Hinsicht seien er und seine Kollegen fündig geworden: "Man kann hier auf dem Edersee segeln. Es gibt Paraglider-Schulen. Und im Winter kann man Ski fahren und snowboarden."

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