Hinter einem Tor stehen mehrere hochgestapelte Paletten Ziegelsteine
Millionen Ziegelsteine enthalten giftiges Woolit. Bild © hr

Neue Erkenntnisse im Woolrec-Skandal: Nach hr-Recherchen sind Millionen Ziegelsteine zwischen 2004 und 2012 mit dem krebserzeugenden Material Woolit in Wohnhäusern eingebaut worden. Die von den Behörden mittlerweile geschlossene mittelhessische Firma Woolrec belieferte vier Ziegeleien in ganz Deutschland.

Das vom Recycling-Unternehmen Woolrec in Tiefenbach bei Braunfels (Lahn-Dill) hergestellte Woolit enthält nicht nur krebserzeugende Stoffe, sondern auch hochgradig mit Schwermetallen belastetes Material. Wie die hr-Reporter Jacqueline Paus und Kamil Taylan mithilfe von anonym zugespielten Dokumenten herausfanden, kamen ins Woolit, das zur Stabilität von Ziegelsteinen dienen sollte, tonnenweise Material aus der Emailproduktion. So geht es aus den Unterlagen der Email- und Glasurenfabrik Wendel mit Sitz in Dillenburg hervor. Paus' und Taylans Rechercheergebnisse waren am Montagabend in der ARD-Reportage "Giftmüll für den Wohnungsbau" im Ersten zu sehen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Ziegel-Skandal finden Sie hier.

Bei der Emailproduktion fallen in Glas eingeschlossene Schwermetalle an. Die Firma Wendel hat an Woolrec Abfälle geliefert, darunter auch tonnenweise giftige Stäube aus Filteranlagen, sogenannte Fuchsstäube. Wendel behauptet gegenüber dem hr, lediglich Wertstoffe geliefert zu haben.

Gutachter wandte ungeeignete Analysemethode an

Die giftigen Filterstäube müssen normalerweise für viel Geld in einer Sondermülldeponie entsorgt werden. Woolrec hat jedoch nach Erkenntnissen der hr-Reporter hunderte Tonnen giftiger Filterstäube von Wendel dem Woolit beigemischt. Möglich war das, weil der von Woolrec beauftragte Gutacher, Professor Stefan Gäth von der Universität Gießen, die Verwendung der schwermetallhaltigen Abfälle von Wendel als unproblematisch eingestuft hatte.

Für sein Gutachten hatte Gäth als Analysemethode den sogenannten Königswasseraufschluss verwendet. Mit dieser Methode lässt sich jedoch nach Auskunft von Kollegen von Gäth nicht die tatsächliche Konzentration der Schwermetalle bestimmen, da die Schwermetalle im Glas eingeschlossen sind und nicht aufgeschlossen werden können.

Das Gutachten hatte dem Film zufolge außerdem gravierende Rechenfehler: Gäth hatte die Schadstoffmenge um das Zehnfache niedriger berechnet, als sie eigentlich ist. Die entsprechenden Untersuchungen hatte er nicht wie erforderlich von einem zertifizierten Labor durchführen lassen.

hr-Reporter deckten Woolrec-Skandal auf

Vogelperspektive auf das Gelände der Firma Woolrec in Tiefenbach
Das Firmengelände von Woolrec in Tiefenbach Bild © hr

Bereits vor drei Jahren hatten Paus und Taylan aufgedeckt, dass das von der Firma Woolrec hergestellte Produkt Woolit krebserzeugend ist. In einer dreijährigen Recherche enttarnten die hr-Reporter die Recycling-Lüge des Unternehmens. Sie fanden heraus, dass aus den aus alten, giftigen Dämmstoffen gewonnenen künstlichen Mineralfasern mitnichten ein ungiftiges Produkt entstanden war.

Das Regierungspräsidium Gießen als zuständige Kontrollbehörde schloss den Betrieb im Herbst 2012. Ende vergangenen Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Gießen Anklage gegen den ehemaligen Woolrec-Chef Edwin Fritsch und gegen den Gutachter Gäth. Das Landgericht Gießen prüft derzeit die Zulassung der Anklage.

Mit einer Entscheidung werde nicht vor Oktober gerechnet, sagte ein Gerichtssprecher am Montag zu hessenschau.de. Grund sei, dass mehrere Verfahren anhängig seien, die vorrangig bearbeitet werden müssten.

Woolit in Ziegeln zwischen 2004 und 2012 verbaut

Mehrere Ziegeleien in Deutschland haben zwischen 2004 und 2012 nachweislich mit Woolit kontaminierte Ziegelsteine hergestellt. Neben der Firma Hüning in Olfen (Nordrhein-Westfalen) setzten auch zwei Werke des Ziegelherstellers Wienerberger mit Hauptsitz in Hannover sowie die Ziegelwerke Juwö in Wöllstein (Rheinland-Pfalz) und Lücking in Warburg-Bonenburg (Nordrhein-Westfalen) Woolit ein. Wienerberger verbaute Woolit in Ziegeln nach eigenen Angaben von 2004 bis 2008 in den beiden Werken Wefensleben (Sachsen-Anhalt) und Rietberg (Nordrhein-Westfalen).

So wurden Millionen Ziegel mit gefährlichen Fasern und Schwermetallen für den Hausbau in ganz Europa verkauft und in Häusern verbaut. Gefährlich sei, wenn die Bewohner Löcher in die Ziegel bohrten, etwa um ein Bild aufzuhängen, sagte Dirk Walter den hr-Reportern. Walter ist Leiter der Gefahrstofflaboratorien an der Universität Gießen. Er warnt: "Und was viel gravierender ist: Wenn Schlitze für Elektroinstallationen unter Putz gemacht werden. Da wird natürlich das Material frei."

Deckenplatten mit krebserzeugenden Fasern

Paus und Taylan fanden heraus, dass die Firma Glasstec seit Herbst 2007 Reste von Dämmmaterialneuware aus der Glas- und Steinwollindustrie zerkleinert und an die Firma Knauf AMF in Grafenau (Bayern) zur Herstellung von Deckenplatten liefert. Glasstec ist ein Tochterunternehmen der ehemaligen Firma Woolrec.

Nach Angaben von Glasstec handelt es sich ausschließlich um neue Dämmstoffe, die angeblich ungefährlich sind. Eine Prüfung zweier unterschiedlicher Deckenplatten von Knauf AMF durch die Universität Gießen ergab jedoch, dass in den Platten auch krebserzeugende Fasern enthalten sind. Und das, obwohl sie mit dem Umweltsiegel "Blauer Engel" und dem RAL-Gütesiegel der Industrie ausgezeichnet sind. Damit gelten die Deckenplatten als unbedenklich für Mensch und Umwelt. Inhaber der Firma Glasstec ist der ehemalige Woolrec-Chef Edwin Fritsch.

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