Skigebiete Hessen kein Schnee
Die Aussichten für Wintersport in Hessen sind wegen des Klimawandels düster - trotzdem geben die Skiliftbetreiber nicht auf. Bild © picture-alliance/dpa

Es klingt paradox: Kein Schnee, die meisten Skilifte in Hessen stehen seit Wochen still, riesige Umsatzeinbußen in den Wintersportgebieten. Trotzdem werden Millionen in neue Lifts und Anlagen investiert. Aus gutem Grund, sagen die Verantwortlichen.

Der Winter 2016? Bis auf ein kurzes Schnee-Intermezzo im Januar ist er bislang ausgefallen. Die Folgen des Schneemangels sind für Hessens Wintersport-Gebiete gravierend. "Eine mittelschwere Katastrophe ist das", sagt Roland Frormann vom Rhön-Info-Zentrum zu hessenschau.de.

Die ganze Branche habe mit "Riesen-Umsatzeinbußen" zu kämpfen – nicht nur die Liftbetreiber, auch Skiverleiher,  Skischulen, Hotels und Gastronomen treffe es hart.

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"Das ist nicht nur schlecht, das ist historisch schlecht", sagt Hendrik Wiegand, Geschäftsführer der Wiegand Erlebnisberge GmbH, die mehrere Lifte auf der Wasserkuppe in der Rhön betreibt. Bislang sind die Lifte ganze zehn Tage gelaufen. Im vergangenen Jahr waren es 105 Betriebstage. In einem durchschnittlichen Winter laufen die Lifte 50 bis 60 Tage. "Es wird ganz schwer, dieses Jahr in die schwarzen Zahlen zu kommen", glaubt Wiegand.

Überleben der Ski-Clubs gefährdet

Der Präsident des Hessischen Skiverbandes, Werner Weigelt, sieht das Überleben der rund 250 Ski-Clubs in Hessen gefährdet. Der Nachwuchs fehlt, der Leistungssport leidet. Der Betrieb der knapp 20 Ski-Lifte (siehe Karte zu hessischen Skigebieten) in Regie von Ski-Clubs oder von Privatleuten zwischen Lahn-Dill-Bergland, Westerwald und Odenwald falle immer schwerer. "Noch zwei, drei Winter dieser Art können die Vereine nicht schlucken", sagt Weigelt.

Trotzdem investieren die großen Skigebiete, aber auch die kleinen Vereine, weiter viel Geld in Wintersportanlagen – zusammen mehrere Millionen Euro: In Schneekanonen oder Pistenraupen und in neue Lifte. Klingt unlogisch? Vier Beispiele zeigen, was dahinter steckt.

Neuer Sessellift am Ettelsberg für Ganzjahresbetrieb in Willingen

Skifahren ist in Willingen zur Zeit nur ansatzweise möglich - gerade mal vier Pisten haben geöffnet.
Skifahren ist in Willingen zur Zeit nur ansatzweise möglich - gerade mal vier Pisten haben geöffnet. Bild © picture-alliance/dpa

27 Skitage gab es bislang in diesem Winter in Hessens größtem Wintersportgebiet in Willingen. Der Skibetrieb im Upland läuft derzeit wegen zu wenig Schnee nur stark eingeschränkt. Gerade mal vier Lifte sind geöffnet. "Bislang war die Saison durchwachsen. Aber wir haben ja noch fünf bis sechs Wochen, da setzen wir auf einen Nachholeffekt", übt sich Jörg Wilke, der Sprecher der Skiliftbetreiber in Willingen, in Optimismus.

"Auf und Abs" ist Wilke gewohnt. 2014 etwa sei ebenfalls ein unterdurchschnittlicher Winter gewesen. Dennoch habe es in den vergangenen acht Jahren im Durchschnitt 84 Skitage in Willingen gegeben. Benötigt werden nach einer mittelfristigen Kalkulation etwa 60 Betriebstage, um rentabel zu bleiben. Wenn der Schnee in den Weihnachtsferien liegt, reichen sogar weniger. "30 Tage können ausreichen – wenn es die richtigen sind", erklärt Wilke.

Trotz der immer wärmeren Winter halten die Willinger an den Plänen fest, einen neuen Sechser-Sessellift zu bauen. Er soll die beiden Köhlerhagen-Schlepplifte ersetzen. Zur Wintersaison 2017/2018 soll der acht Millionen Euro teure Sessellift in Betrieb gehen. "Ein Highlight – aber der Lift wird keine reine Skianlage, sondern ist auf den Ganzjahresbetrieb ausgerichtet", erklärt Wilke.

Willingen setzt seit Jahren auf ein zweites Standbein zum Wintertourismus: Mountainbiken und Wanderer. Schon jetzt seien 70 Prozent der Nutzer der Willinger Seilbahnen Ausflügler. Nur das Ganzjahresgeschäft sichere schwarze Zahlen, so Wilke.

Ski-Club Ewersbach baut für 172.000 Euro neuen Skilift

Skigebiete neuer Lift SC Ewersbach
Der Ski-Club Ewersbach hat am Eichholzkopf einen neuen Skilift gebaut - trotz düsterer Prognosen für die Mittelgebirgs-Skigebiete. Hier eine Aufnahme aus dem Januar 2015. Bild © SC Ewersbach

Ganz ähnlich, nur eine Nummer kleiner, plant der Ski-Club Ewersbach in Dietzhölztal (Lahn-Dill). Obwohl Schnee im Winter zur Glückssache geworden ist und selbst die Bundesregierung damit rechnet, dass wegen des Klimawandels nur ein Drittel der deutschen Skigebiete in den Alpen und in den Mittelgebirgen überleben wird, hat der Ski-Club im Winter 2014 einen neuen Schlepplift am Eichholzkopf gebaut. Kostenpunkt: 172.000 Euro.

Ein Mammut-Projekt für einen kleinen Verein, der rund 25.000 Euro und jede Menge Eigenleistung dazu beigesteuert hat. Der Rest der Kosten wurde von der Gemeinde Dietzhölztal, dem Land Hessen, dem Lahn-Dill-Kreis und dem Landessportbund übernommen.

Finanzielles Harakiri angesichts immer wärmerer Winter in den Mittelgebirgen? "Nein. Das lohnt sich auf jeden Fall", sagt Thomas Becker, Vorsitzender des Ski-Clubs, und klingt entschieden: "Wir hatten im Winter 2015 sechs Wochen lang Skibetrieb, zum Teil bei traumhaften Bedingungen. Dieses Jahr lief der Lift schon eine Woche lang." Sogar aus dem Rhein-Main-Gebiet seien Gäste gekommen, "wegen der familiären Atmosphäre", sagt Becker.

Der alte Lift sei mit seinen 40 Jahren technisch überholt gewesen - der neue, 300 Meter lange Tellerlift kann bis zu 1.000 Gäste am Tag befördern und ist technisch auf dem neuesten Stand. Der größte Vorteil sei aber seine Sommerzulassung für Fahrräder und Mountainbikes, betont Becker. Damit könne das Lahn-Dill-Bergland rund um Dietzhölztal auch von Wanderern und Radfahrern genutzt werden. Die ganze Region profitiere davon.

Zuckerfeld an der Wasserkuppe: 250.000 Euro investiert

Skigebiete Wasserkuppe
Der Schneemangel trifft auch die Liftbetreiber an Hessens höchstem Berg, der Wasserkuppe in der Rhön. Bild © picture-alliance/dpa

"Wenn ich rein unternehmerisch denken würde, müsste ich schließen", sagt Harald Jörges aus Gersfeld in der Rhön. Zusammen mit seinem Bruder und einem Kollegen betreibt Jörges den Skilift Zuckerfeld an der Wasserkuppe: vier Pisten, die längste Abfahrt ist fast zwei Kilometer lang. Der schlechte Winter dieses Jahr hat ihn ziemlich gebeutelt. "Das ist fast nicht mehr aufzuholen", sagt Jörges.

Von dem Liftbetrieb zu leben, sei ohnehin unmöglich. Der Familienbetrieb laufe nur, "weil jeder viel, viel Herzblut investiert und auf seine Gage verzichtet", sagt Jörges. An 50 Tagen liefen die Lifte am Zuckerfeld im vergangenen Jahr, dieses Jahr waren es gerade mal zehn. Mindestens 40 Tage Betrieb sind nötig, um die Kosten zu decken.

Allein die vorgeschriebene TÜV-Prüfung kostet auf einen Schlag zwischen 500 und 700 Euro. Dazu kommen Energiekosten für den Lift, die Pistenraupen und vor allem die Schneekanonen. An dem Liftbetrieb hängen auch noch ein Skiverleih, zwei Snowboardschulen und eine Skihütte. Zehn Mitarbeiter braucht Jörges während der Saison.

Zusätzlich den Fixkosten hat Jörges seit 2012 rund 250.000 Euro in neue Infrastruktur investiert, unter anderem zwei Schneekanonen wurden angeschafft. Der Kauf einer dritten Schneekanone in diesem Winter wurde verschoben. Das war ihm angesichts des schlechten Geschäfts doch zu heikel. Ans Aufgeben denkt auch er nicht. "Wir sind leidensfähig", sagt Jörges und schmunzelt. Die Hoffnung auf Schnee hat er noch nicht begraben.

Neue Schneekanonen auf der Wasserkuppe

Schlittenlift wasserkuppe
Skiliftbetreiber Wiegand hat in den vergangenen Jahren aufgerüstet - unter anderem mit einem Schlittenlift an der Wasserkuppe. Trotzdem entfällt nur noch ein Drittel des Geschäfts auf den Winter. Bild © picture-alliance/dpa

"Dieses Jahr wird es schwer, in die schwarzen Zahlen zu kommen", gibt Hendrik Wiegand als Betreiber der Lifte der Ski- und Rodelarena Wasserkuppe zu. Der Betrieb sei bislang "auf der alleruntersten Stufe" gelaufen. "Aber noch haben wir nicht aufgegeben, wir bleiben bis zuletzt zuversichtlich", erklärt er.

Wiegand ist Geschäftsführer der Wiegand Erlebnisberge GmbH, die bundesweit mehrere Skilifte betreibt. Dazu gehören auch ein Skilift am Hoherodskopf im Vogelsberg und ein Lift am Eisenberg im Knüll. Der sei bislang an noch keinem Tag in diesem Winter gefahren, so Wiegand. "Der Lift steht inzwischen auf dem Prüfstand", sagt Wiegand.

Obwohl Wiegand auf der Wasserkuppe im Winter nur noch ein Drittel des Jahresumsatzes macht – seine Firma betreibt auch die Sommerrodelbahn auf der Wasserkuppe –, will er beim Wintersport keineswegs aufstecken. In diesem Jahr sei bereits eine neue Schneekanone im Wert von rund 30.000 Euro angeschafft worden.

2017 soll die Beschneiung am Abtsroda-Lift ausgebaut werden. Die Pläne für einen Vierer-Sessellift mit einem Investitionsvolumen von mehreren Millionen Euro liegen wegen des miesen Winters dagegen auf Eis.

Folgende Karte gibt einen Überblick über die Skilifte in Hessens Mittelgebirgen:

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