Besucherschlangen vor dem Fridericianum in Kassel
Die documenta 13 lockte 860.000 Kunstinteressierte nach Kassel. Bild © picture-alliance/dpa

In gut einem Monat öffnet in Kassel die documenta ihre Pforten. Doch was hat Kassel eigentlich wirtschaftlich davon? hessenschau.de hat nachgefragt.

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zum Audio Seit 1955: documenta in Kassel - ein historischer Überblick

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"Laub und Vogelscheiße", mehr erwarteten die Kasselaner nicht von dem neuen documenta-Kunstwerk, mit dem Joseph Beuys ihre Stadt ab 1982 verschönern wollte. "7.000 Eichen" hieß es und wie kaum ein zweites heizte es in Kassel die Diskussion um Sinn und Unsinn der Kunstschau an - vor allem, nachdem Beuys zum Start des Projekts 7.000 Basaltsteine auf dem Friedrichsplatz aufschütten ließ. Sie sollten neben 7.000 Eichen in der gesamten Stadt aufgestellt werden. Die Kasselaner waren nicht begeistert, Unbekannte übergossen die Steine mit rosa Farbe.

Später fuhr sich ein Autofahrer daran zu Tode und die Stadtpolitik diskutierte heftig: Was hat Kassel eigentlich von der Kunstschau?

Beuys Basaltsteine
Der Künstler Joseph Beuys (1921-1986) vor seinen "7.000 Eichen"-Basaltsteinen. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Die Antwort des Kasseler Wirtschaftsprofessors Gerd-Michael Hellstern ist eindeutig: "Die documenta hat der Stadt und auch dem Land ein Mehrfaches an Rückflüssen im Vergleich zu den Investitionen gebracht."

Über eine Million Übernachtungsgäste

Aktuelle Zahlen bestätigen das: Für dieses Jahr rechnet die städtische Kassel Marketing GmbH mit über einer Million Übernachtungsgästen. Diese dürften etwa 630 Millionen Euro in Kassel ausgeben - das wären 90 Millionen mehr als in einem Jahr ohne documenta.

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Zum Vergleich: 1992 trug die documenta 9 mit ihren 609.000 Besuchern rund 50 Millionen Mark in die Stadt. In diesem Jahr gab es erstmals eine Berechnung der Wirtschaftlichkeit der documenta, da das Image der Kunstschau bei den Kasselanern nicht das beste war. documenta-Geschäftsführer Alexander Farenholtz beauftragte damals den inzwischen emeritierten Professor Hellstern. Er sollte ermitteln, wie viel Geld die documenta in die Stadt bringt.

Moderneres Image für Kassel

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Hintergrund

Jedes Jahr kommen nach Angaben der Kassel Marketing durchschnittlich 11 Millionen Tagesbesucher (also ohne Übernachtung) nach Kassel, für das documenta-Jahr 2017 rechnet die Kassel Marketing mit 15 Millionen Tagesbesuchern.

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In Nicht-documenta-Jahren kommen zwar weniger Touristen nach Kassel. Doch die Kunstschau hatte auch langfristige, nicht direkt messbare Effekte - und zwar auf den Ruf der Stadt, die früher gern als "Hessisch-Sibirien" abgetan wurde. "Die documenta hat unglaublich viel zur Identität und zu einem moderneren Image Kassels beigetragen", sagt Hellstern. Dort ansässige Unternehmen hätten sich über ihr Engagement für die Kunstschau ein modernes Image zugelegt, Hotelketten in Kassel neue Standorte aufgemacht.

"Früher hat zum Beispiel  kaum jemand Tagungen in Kassel gemacht", sagt Hellstern, "das ist heute ganz anders." Kunstinteressierte, finanzstarke Besucher aus mittleren Managementberufen seien gekommen und hätten das neue Image genauso nach außen getragen wie Berichte in internationalen Zeitungen.

Selbst hochrangige Politiker wie Ex-EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder Hollywood-Star Brad Pitt besuchten die Kunstschau. "Glauben Sie, diese Leute wären sonst nach Kassel gekommen?", fragt Hellstern augenzwinkernd.

"Kassel und documenta sind verwoben"

Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen in Kassel
Spaziergänger auf einer Allee aus Beuys-Bäumen in Kassel. Bild © picture-alliance/dpa

Und so gibt es inzwischen kaum noch Stimmen in Kassel, die Sinn und Nutzen der documenta hinterfragen - naturgemäß am wenigsten bei der Kassel Marketing: "Kassel und die documenta sind verwoben", sagt Sprecherin Birgit Kuchenreiter, "eins geht nicht ohne das andere."

Selbst den im Vorfeld viel diskutierten zweiten Standort Athen sieht sie inzwischen positiv: "Diesmal haben internationale Medien noch früher über uns berichtet." Und weder bei den Hotelbuchungen, noch bei Anfragen nach Führungen, noch bei den Kartenverkäufen mache sich der zweite Standort negativ bemerkbar. Im Gegenteil: Gerade zur Eröffnung und gegen Ende der Kunstschau dürfte es nach Angaben des Hotel- und Gastronomieverbandes Dehoga schwierig werden, noch Zimmer zu bekommen.

Und Beuys' "7.000 Eichen"? Das Kunstwerk ist heute aus der Stadt nicht mehr wegzudenken und steht unter Denkmalschutz - auch als ein Symbol dafür, wie sehr die Kunst Kassel verändert hat.

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Das kostet die documenta

Für die documenta 14 sind nach Angaben der Stadt Kassel Ausgaben von rund 37 Millionen Euro vorgesehen. 14 Millionen kommen von den beiden documenta-Gesellschaftern, dem Land Hessen und der Stadt Kassel. 4,5 Millionen steuert die Kulturstiftung des Bundes bei, 18,5 Millionen muss die Schau selbst erwirtschaften.

Generell gilt: In Nicht-documenta-Jahren gibt es eine Basis-Finanzierung durch Stadt und Land von je 2,5 Millionen Euro. In documenta-Jahren kommen je fünf Millionen Euro dazu, plus eines Zuschusses von der Kulturstiftung des Bundes. Ungedeckte Kosten teilen sich Stadt und Land, seit der documenta 11 haben aber alle Kunstschauen mit einem Plus abgeschlossen. Diese Überschüsse fließen in Rücklagen für kommende Ausstellungen.

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