Vogelsberg Hoherodskopf
Weite Wege gehören im Vogelsberg dazu: Blick auf die Orte Hartmannshain (vorn) und Herchenhain, im Hintergrund der Hoherodskopf Bild © Wikipedia/CarstenE

Ein kurzer Arztbesuch, ein schneller Abstecher in den Supermarkt: Was für die meisten Hessen normal ist, kann im Vogelsberg zu einer Herausforderung werden. Nirgends sind Wege und Anfahrten länger - gerade für Ältere ein großes Problem.

Wenn Edeltraud Rausch-König zum Einkaufen will, muss die Rentnerin immer ihren kleinen roten Wagen nehmen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gar zu Fuß ist das von ihrem Wohnort aus in Unter-Seibertenrod bei Ulrichstein nicht möglich. "Wir haben ja keinen Laden mehr, da ist alles zu", erklärt die Rentnerin. Großeinkäufe erledigt sie in Herbstein oder in Lauterbach - beides etwa 20 Kilometer entfernt.

Auch Hella Herrmann wäre ohne Auto aufgeschmissen. Sie erledigt die meisten ihrer Einkäufe in der Kernstadt Ulrichstein. Dort gibt es immerhin noch etwas Infrastruktur: eine Bank, eine Tankstelle, Bäckerei und eben auch einen Supermarkt. Die Dörfer rund herum sind von diesen Dienstleistungen abgeschnitten. Der öffentliche Nahverkehr ist für Herrmann keine Lösung: "Wenn man mit dem Bus fährt, muss man flexibel sein", für eine Stunde Erledigungen sei man den halben Tag unterwegs.

"Es sterben mehr, als geboren werden"

Ulrichstein ist kein Einzelfall, sondern eine von vielen Gemeinden im Vogelsberg, die unter einer schwachen Infrastruktur leiden. Gründe gibt es zahlreiche, vereinfacht gesagt aber ist es so, wie Bürgermeistern Heiko Stock es aus der Nachbargemeinde Lautertal auf den Punkt bringt: "Es sterben mehr Leute, als Kinder geboren werden." Etwa 300 Menschen weniger als noch vor zehn Jahren lebten in den insgesamt sieben Ortsteilen Lautertals - ein Negativ-Trend, der im gesamten ländlichen Raum zu spüren ist.

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Daten & Fakten

Hausärzte, Schulen, Supermärkte oder ÖPNV-Anschluss: Nahezu in jeder Kategorie sind im Hessenvergleich die Wege zu diesen Einrichtungen im Vogelsberg am weitesten, wie Berechnungen zeigen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung beträgt die durchschnittliche Distanz zu einem Hausarzt auf dem Straßenweg im Kreis 8,1 Kilometer. Die durchschnittliche Entfernung zu einer Grundschule beträgt im Kreis laut BBSR - Luftlinie - 2,3 Kilometer.

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Viele Gebäude stehen leer, auch viele Ladenlokale, die Gründe kennt Edwin Schneider, Bürgermeister von Urichstein nur zu gut: Die Erben kümmern sich nicht mehr um den Besitz, leben meist in Großstädten und  finden den Vogelsberg kaum attraktiv. Mit einem Bevölkerungsverlust von fast einem Prozent pro Jahr ist der Vogelsbergkreis einer der demografisch am schnellsten schrumpfenden Landkreise in Westdeutschland.

Zuzug aus dem Osten half lange aus

Seinen höchsten Bevölkerungsstand hatte er 1996 mit 119.000 Einwohnern - 12.000 mehr als heute. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sich Westdeutschland fast flächendeckend durch Zuzügler aus Osteuropa und Ostdeutschland auffrischen. Zu weit entfernte Zentren, zu wenig Mittelstand mit attraktiven Jobs - sehr viele Berufstätige im Kreis sind aufs Pendeln angewiesen und nehmen täglich weite Strecken zum Arbeitsplatz auf sich. Viele Mini-Dörfer in der Region sind dadurch in ihrem Bestand gefährdet, wie eine Untersuchung des Berlin-Instituts zur Zukunft der Dörfer in Hessen und Thüringen gezeigt hat (pdf-Datei).

Und auch hierfür hat Ulrichsteins Bürgermeister Schneider eine Erklärung: Seine Gemeinde liege mit 15 Kilometern zu weit entfernt von der nächsten Autobahnauffahrt, für ein Unternehmen, das sich aufgrund von günstigen Bauland für den Standort Vogelsberg interessiert,  ein zu weiter Weg. Und damit beginnt der Teufelskreis: keine Jobs - keine Menschen, die in den Ortsteilen leben wollen. Vor allem keine jungen Familien, die hier dauerhaft bleiben.

Keine Stadt im Kreis über 10.000 Einwohner

Dabei muss man aber auch beachten, dass der Vogelsberg noch nie eine besonders starke wirtschaftliche Region war. Im Landkreis gibt es praktisch keine größeren Städte. Die Kernstadt Alsfeld hat 9.000 Einwohner, die Kreisstadt Lauterbach 8.600, Schotten etwa 4.000 und Schlitz 4.400 Die nächstgelegene größere Stadt außerhalb des Landkreises ist Fulda, etwa 25 Kilometer von Lauterbach entfernt. In die Universitätsstädte Marburg und Gießen sind es etwa 50 Kilometer. Alles nur mit dem Auto zu erreichen.

Vogelsberg Hoherodskopf
Vom Gipfel des Hoherodskopfs aus bis nach Frankfurt sind es über 60 Kilometer. Viele Menschen pendeln dennoch täglich dorthin zur Arbeit. Bild © picture-alliance/dpa

Ein Auto hat die 83-jährige Einwohnerin von Bobenhausen II, die ihren Namen nicht nennen will, noch in der Garage: Bewegen tut sie den Wagen aber nicht mehr, gibt sie zu. "Meine Nachbarin macht das für mich, sie macht auch meinen Garten. Super, wer so was hat. Wer nicht, ist hier aufgeschmissen." Der Tante-Emma-Laden an der Hauptstraße habe vor drei Jahren zugemacht, die Gaststätte schon vor fast 20, einzig und allein der Gesangsverein hält die 430-Seelen-Gemeinde noch etwas zusammen. Dabei lässt es sich hier schön - und vor allem günstig – wohnen. Das Haus gegenüber ist mitsamt Scheune vor ein paar Wochen verkauft worden. Angeblich für gerade mal 7.000 Euro.

Ärztliche Versorgung leidet

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Lautertal (Vogelsberg)

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Neben den wenig vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten ist auch die ärztliche Versorgung ein großes Manko. Hausärzte gab es in Ulrichstein bis vor wenigen Jahren noch drei, heute praktiziert nur noch ein Allgemeinmediziner in der Gemeinde. In Kirtorf wiederum haben sich drei Allgemeinmediziner zusammen getan und versorgen nun mehr als 20 Gemeinden.

Eine von ihnen ist Kristin von der Beeke. Der Landkreis hat die Medizinerin im Rahmen seines Weiterbildungspakets "Medizin Plus" schon während ihrer Ausbildung für die Arbeit  im Vogelsberg begeistert. Die Initiative hat das Gesundheitsdezernat in Lauterbach ins Leben gerufen, um Medizinstudenten für die Arbeit im ländlichen Raum zu gewinnen und sie durch Zuwendungen und eine Jobgarantie an den  Vogelsberg zu binden.

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