Spargelernte
Trotz Mindestlohn prellen manche Spargelbauer weiterhin ihre Erntehelfer um den versprochenen Lohn. Bild © picture-alliance/dpa

Seit zwei Jahren steht auch Erntehelfern der Mindestlohn zu - für die Arbeit auf hessischen Spargelfeldern zum Beispiel. Das heißt nicht, dass ihn auch alle erhalten.

Cosmin Popescu, der seinen richtigen Namen nicht online lesen will, mag nicht mehr. Seit Jahren arbeitet der Rumäne als Saisonarbeiter für einen südhessischen Spargelbauern, jetzt reicht es ihm: "Ich werde nicht wieder hierher kommen."

Der Hauptgrund: das Geld. Wie viel Popescu am Ende der Spargelsaison verdienen haben wird - er weiß es nicht. Zwar hätte mit der Einführung des Mindestlohns für Saisonkräfte im Jahr 2015 sein Verdienst steigen müssen. 8,60 Euro stehen Popescu demnach pro Stunde zu. Vor einigen Jahren hat er hier noch für 5,20 Euro pro Stunde gearbeitet. Doch der Mindest-Stundenlohn bleibt Theorie.

Denn statt nach Arbeitszeit zahlt sein Arbeitgeber immer wieder auch nach Menge des geernteten Spargels. Dann kommt nach Popescus Erfahrung deutlich weniger heraus, als ihm mit Mindestlohn zusteht. Im vergangenen Jahr hat Popescu für zweieinhalb Monate Spargelstechen rund 3.800 Euro erhalten - brutto. Die Arbeitstage dauern nicht selten elf Stunden.

"Richtig übers Ohr gehauen"

Die Gewerkschaft IG Bauen, Agrar und Umwelt kennt das Problem. "Leider beobachten wir immer wieder, dass Saisonkräfte nicht ihren vollen Lohn erhalten", kritisiert der stellvertretende Bundesvorsitzende Harald Schaum. "Es ist kaum zu fassen, wie einfallsreich manche Arbeitgeber sind, wenn es um die Lohnprellerei geht."

Wie weit das in Hessen geht, zeigt sich in diesen Tagen bei Besuchen der IG Bau auf hessischen Spargelhöfen. Dort ist Gewerkschaftssekretär Ralf Helwerth unterwegs, um Saisonkräfte über ihre Rechte aufzuklären. "Bei den meisten Betrieben war alles in Ordnung", sagte Helwerth. "Doch es  wird oft zu viel Geld für Unterkunft und Verpflegung abgezogen. Und es gibt auch Betriebe, die die Leute richtig übers Ohr hauen."

Weitere Informationen

Erntehelfer in Hessen

  • Rund 300 Spargelbetriebe gibt es nach Auskunft des Arbeitgeberverbands für die Land- und Forstwirtschaft in Hessen. Hier werden nach aktuellen Zahlen 12.200 Saisonarbeitskräfte beschäftigt, die meisten von ihnen sind Rumänen und Bulgaren.
  • Für Erntehelfer gilt ein eigener Mindestlohn. Das Gesetz sieht vor, dass sie pro Stunde mindestens 8,60 Euro verdienen müssen.
  • Zuständig ist bei Verstößen gegen den Mindestlohn und Sozialabgaben der Zoll. Wenn der Lohn nicht ausgezahlt wird, müssen Betroffene den Lohn beim Arbeitsgericht einklagen - eine Hürde, die vom Zeit- und Geldaufwand für die meisten zu hoch ist.
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Der Spargelanbauer, für den Popescu arbeitet, ist auch Helwerth negativ aufgefallen. Die undurchsichtig aufgestellten Lohnabrechnungen sind auch für ihn nicht nachvollziehbar. Es gibt Tage, an denen gar kein Stundenlohn erscheint, dafür komplizierte Aufstellungen, wie lange man fürs Ernten gebraucht hat. Erst die Endabrechnung könnte Klarheit schaffen, aber auch nur, wenn der Arbeiter seine Arbeitszeit selbst protokolliert hat.

Die Arbeitszeiten stuft Helwerth dort als zu lang ein. In der Unterkunft gibt es kein warmes Wasser, teilweise müssen sich bis zu sechs Menschen ein Zimmer teilen. Auch das sind Gründe, weswegen Popescu nicht mehr für den Spargelbauern arbeiten will. Helwerth hat den Betrieb jetzt den Behörden gemeldet. Nutzt denn die Einführung des Mindestlohns überhaupt etwas, wenn er doch wieder umgangen wird? "Auf jeden Fall. Ohne den Mindestlohn gäbe es gar keine rechtliche Handhabe", sagt Helwerth.

Aus Angst wird oft geschwiegen

Auch Popescu weiß von den Besuchen der IG-BAU Vertreter. "Aber sie bräuchten mehr Informationen. Die meisten Leute trauen sich nicht, mit ihnen zu reden, weil sie Angst um ihren Job haben." Eine Problematik, die auch Ileana Pfingstgräf-Borsos vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen bekannt ist. Der Verein klärt Saisonarbeiter über ihre Rechte auf und berät sie bei Problemen. Angst spiele bei der Ausbeutung dieser Menschen eine große Rolle. "Sie sind sehr abhängig von ihrem Arbeitgeber. Meist leben sie bei ihm auf den Höfen. Wenn er sie rauswirft, stehen sie auf der Straße."

"Dann steht da schon der Bus mit laufendem Motor"

Am schlimmsten sei es, wenn die Arbeiter den Lohn erst vor der Abreise erhalten, sagt Pfingstgräf-Borsos. "Dann steht da schon der Bus mit laufendem Motor, und sie bekommen einen Briefumschlag in die Hand gedrückt." Ist es weniger als vereinbart, hat der Arbeiter keine Zeit, auf seinen vereinbarten Lohn zu beharren. Zudem gehe es oft um Beträge, für die man auch keinen Anwalt einschalten würde.

Trotzdem kommen viele der Wanderarbeiter auch im nächsten Jahr wieder. "Weil sie hier mehr verdienen als Zuhause", erläutert Pfingstgräf-Borsos. "In Rumänien zum Beispiel bekommt ein ungelernter Arbeiter zwischen 200 und 300 Euro im Monat." Etwa so viel verdient auch Saisonarbeiter Cosmin Popescu, in Rumänien in einer Autowerkstatt. Von dem Geld aus Deutschland hat er es geschafft, für seine Familie ein Haus zu bauen.

"Es gibt natürlich immer wieder schwarze Schafe"

Nach Ansicht des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeerbauer e.V. handelt es sich bei den Vorfällen um Ausreißer: "Es gibt natürlich immer wieder schwarze Schafe, aber nach unserem Empfinden sind das Einzelfälle“, sagt Vorstandssprecher Simon Schumacher. Grundsätzlich dürfe der Mindestlohn nicht unterschritten werden, auch nicht, wenn saisonabhänig nicht nach Stunde gezahlt werde, sondern nach Leistung.

Popescu wird im nächsten Jahr wieder zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Aber nicht mehr zu dem Spargelbauern, für den er bisher gearbeitet hat. Er will nach Norddeutschland zur Apfelernte. "Ein Freund hat mir erzählt, dass man dort mehr verdienen kann."

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