Rettungsgasse Autobahn
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Die Rettungsgasse ist gesetzlich vorgeschrieben. Doch was passiert, wenn ihre Einhaltung aus Platzgründen gar nicht möglich ist? Die Antwort ist gar nicht so einfach.

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Kleiner Unfall, große Wirkung: Eine Kollision auf der A7 in Nordhessen hat für Diskussionen gesorgt. Dabei war am Freitagabend an der Anschlussstelle Kassel-Mitte ein Auto mit einem Lkw und einem weiteren Pkw kollidiert. Das Brisante daran: Weil die Autofahrer in dem mehrere Kilometer langen Stau keine Rettungsgasse bildeten, kamen die Einsatzkräfte nicht zum Unfallort durch - die letzten zwei Kilometer legten sie daher zu Fuß zurück.

Die Polizei kritisierte das Verhalten der Autofahrer. Viele Medien, darunter auch hessenschau.de, Spiegel oder Welt, berichteten über das Fehlen der gesetzlich vorgeschriebenen Rettungsgasse. In sozialen Netzwerken wurden die beteiligten Autofahrer aus dem Stau heftig kritisiert, in Teilen sogar übel beschimpft. Doch viele Autofahrer fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die HNA zitiert einen Pkw-Fahrer, der selbst in dem Stau stand und nach eigenen Angaben noch versucht hatte zu rangieren - "aber es ging einfach nicht". Ein ebenfalls beteiligter Lkw-Fahrer berichtete: "Es war kein Platz für die Rettungsgasse."

Gesamtbreite von 8,60 Metern

War tatsächlich keine Rettungsgasse möglich? In der Tat ist die Situation im Bereich der Unfallstelle schwierig: Wegen einer Baustelle sind die drei Fahrspuren in Richtung Norden verengt. Die linke Spur ist gerade mal 2,60 Meter breit, die mittlere 2,75 Meter und die vor allem für Lkw vorgesehene rechte Spur 3,25 Meter. Links und rechts davon verhindern Absperrungen ein Überfahren der Spuren. Die Rechnung ist nun einfach: Stehen zwei Pkw mit einer durchschnittlichen Breite von angenommen 2,10 Meter sowie ein Lkw (zirka 2,55 Meter) im Stau nebeneinander, bleibt noch eine Restbreite von 1,85 Meter übrig - für eine Rettungsgasse definitiv zu wenig.

Auf drei Spuren steht den Verkehrsteilnehmern eine Gesamtbreite von 8,60 Metern zur Verfügung
Auf drei Spuren steht den Verkehrsteilnehmern eine Gesamtbreite von 8,60 Metern zur Verfügung Bild © hessenschau.de
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zum Video Autofahrer bilden keine Rettungsgasse für Unfallhelfer

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Das Einhalten der Rettungsgasse ist in der Straßenverkehrsordnung geregelt. Sie muss gebildet werden, sobald die Verkehrsteilnehmer auf Autobahnen oder außerörtlichen Straßen mit mindestens zwei Spuren "mit Schrittgeschwindigkeit fahren" oder sich "im Stillstand befinden" - also ganz unabhängig von einem möglichen Unfall. Wer dagegen verstößt, kann - theoretisch - mit einem Ordnungsgeld belangt werden. Diese Vorschrift gelte grundsätzlich auf allen Straßen, unabhängig davon, ob sich dort eine Baustelle befinde oder nicht, teilte das hessische Verkehrsministerium auf Nachfrage mit.

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Rettungsgasse

Die Pflicht zur Rettungsgasse wird in der Straßenverkehrsordnung in Paragraph 11, Absatz 2 geregelt. Sie ist einzuhalten, auch wenn gar keine Notfallsituation vorliegt. Und zwar immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen. Wer sich nicht daran hält, dem droht ein Ordnungsgeld von 20 Euro. Das ist kein Vergleich zu Österreich: Dort kostet ein Zuwiderhandeln 726 Euro.

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Polizei: "Es ist tatsächlich relativ eng"

Die Polizei in Nordhessen räumt ein, dass es im Bereich der Unfallstelle relativ eng sei. Allerdings: "Egal wie eng es ist, man sollte es zumindest versuchen, eine Rettungsgasse zu bilden", sagte Sprecher Matthias Mänz. Aber auch das sei in vielen Fällen nicht passiert. Dass sich nun der ein oder andere Autofahrer aus dem Stau ärgere, sei nachvollziehbar, so Mänz. Die Kritik der Polizei sei aber vor allem als Appell gemeint gewesen, die Bildung einer Rettungsgasse in jedem Fall zu versuchen.

Rettungsgasse Autobahn
Nicht immer kann die Rettungsgasse so vorbildlich eingehalten werden wie in diesem Fall. Bild © picture-alliance/dpa

Eingerichtet hat die Baustelle die Landesverkehrsbehörde Hessen-Mobil. Die weist jegliche Vorwürfe zurück. Man habe sich an die Vorgaben des Bundes gehalten. "Bei der Planung von Baustellenverkehrsführungen werden sowohl die Polizei als auch die Rettungskräfte beteiligt und deren Belange in entsprechenden Rettungskonzepten berücksichtigt", teilte Hessen-Mobil auf Anfrage mit. Sollte es aus Platzgründen mal nicht möglich sein, eine Rettungsgasse zu bilden, könne die Unfallstelle auch aus der Gegenfahrtrichtung angefahren werden, ergänzte Hessen-Mobil. "Dies ist auch gängige Praxis in solchen Fällen."

Rettungskräfte konnten nicht aus Gegenrichtung kommen

Genau das war im Fall der A7 aber ebenfalls nicht möglich, weil der Unfall keine Blockade über die komplette Fahrbahnbreite zur Folge hatte. Einzelne Autofahrer fuhren an der Unfallstelle vorbei und verhinderten so ein Befahren aus der Gegenrichtung. In einem solchen Fall könnte die Polizei versuchen, zumindest mit einem Motorrad bis zur Unfallstelle vorzudringen, um diese abzusichern - doch selbst dafür sei nicht genug Platz gewesen, erklärte Polizeisprecher Mänz. Es sei zwar zum Unfallzeitpunkt ohnehin kein Motorrad verfügbar gewesen. Das hätten die Autofahrer aber nicht wissen können.

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Wie bildet man eine Rettungsgasse?

Fehlende Rettungsgassen sind immer wieder ein Problem. Wie man sich richtig verhält, erfahren Sie hier.

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Eine Lösung, wie bei akuten Platzproblemen trotzdem eine Rettungsgasse eingehalten werden kann, hat auch der ADAC nicht parat. Hilfreich sei "vorausschauendes Fahren" und mehr "gegenseitige Rücksichtnahme", wie ein Sprecher des ADAC Hessen-Thüringen erklärte. Als Alternative setzt der Verkehrsclub auf die Luftrettung. Immerhin: Die war bei dem Unfall auf der A7 nicht nötig. Verletzt wurde niemand, es blieb im Wesentlichen bei Blechschäden.

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