Imago Küken
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Die Kükentötungen in Hessen gehen weiter – obwohl Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) 2014 untersagt hatte, männliche Küken grundlos töten zu lassen. Doch auch im vergangenen Jahr wurden in Hessens größter Brüterei wieder mehrere Millionen Tiere vergast. Wie konnte es dazu kommen?

Die Bilanz ist ernüchternd: Zwölf Millionen Küken wurden 2015 in der Brüterei LSL Rhein-Main in Dieburg direkt nach der Geburt getötet, schätzt das hessische Umweltministerium. An den Zahlen habe sich nichts geändert. Wohl aber an den Methoden der größten hessischen Brüterei. "In Hessen werden inzwischen sämtliche männliche Küken nicht mehr geschreddert und entsorgt, sondern mit Gas getötet und komplett als Tierfutter genutzt", erklärt das Ministerium in einem schriftlichen Statement. "So können die Küken wenigstens noch einem akzeptablen Zweck dienen." Die Kadaver gehen zum Beispiel an Tierparks oder an die Halter von Greifvögeln und Schlangen.

Kritik von Tierschützern

Akzeptabler Zweck?  Krishna Singh von der Tierschutzorganisation Peta hält solche Aussagen für unerträglich. "Der einzige Grund für das Töten ist die Überflüssigkeit der Tiere", sagt er. Er meint damit, dass eine Brüterei mit den männlichen Küken kein Geld verdienen könne. Denn die Tiere könnten weder einmal Eier legen, noch setzten sie aufgrund der Zuchtweise viel Fleisch an. Deshalb gehe es den Tieren massenhaft an den Kragen. Die weiblichen Küken werden dagegen verkauft.

Peta Deutschland hat inzwischen Anzeigen gegen alle Brütereien in Deutschland erstattet – auch gegen LSL Rhein-Main in Dieburg. Die Staatsanwaltschaft hat die Anzeige abgewiesen, inzwischen liegt sie bei der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt und wird geprüft. "Solche Formen der Ersatzverwertung, wie vom Ministerium beschrieben, sind kein Grund dafür, ein Tier zu töten", erklärt Tierschützer Singh. Er verweist dabei auch auf Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes, wonach Töten ohne Grund nicht erlaubt sei.

In Nordrhein-Westfalen hatten die Tierschützer bereits Erfolg. Mitte Februar erhob zum ersten Mal eine Staatsanwaltschaft Anklage gegen eine Brüterei, weil diese männliche Küken massenhaft tötet. Peta sprach nach der Klage der Staatsanwaltschaft Münster gegen die Brüterei Brinkschulte in Senden von einem "historischen Durchbruch".

Tierschutzbeauftragte verweist auf Forschungsfortschritt

Auch das Umweltministerium hatte sich 2014 gegen das grundlose Töten stark gemacht. Eine Pressemitteilung vom September 2014 trug den eindeutigen Titel: "Hessen untersagt die Tötung männlicher Eintagsküken." Doch was nach Verbot klang, war nicht mehr als eine Verfügung. Sie verpflichtete den Betreiber LSL Rhein-Main eine technische Alternative zur Tötung zu entwickeln. Und sie sollte ein Versprechen sein. "Die massenhafte Tötung von Eintagsküken wird in Hessen keine Zukunft haben", erklärte Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) damals.

17 Monate später wird zwar immer noch getötet - Hessens Landesbeauftragte für den Tierschutz, Madeleine Martin, verweist aber auf die Fortschritte, die es seither gegeben habe. "Wir haben uns intensiv an der Entwicklung einer Methode beteiligt, um das Geschlecht des Kükens schon im Ei erkennen zu können", sagt Martin, die die Tötungspraxis auch für inakzeptabel hält. Raman-Spektroskopie heißt das Verfahren in der Fachsprache; es wurde von der Uni Leipzig entwickelt.

Daran beteiligt war auch das hessische Umweltministerium – nach eigenen Angaben mit 70.000 Euro. Die wissenschaftliche Forschung sei inzwischen abgeschlossen, sagt Martin. "Jetzt warten wir darauf, dass wir die Methode auch in den Betrieben einsetzen können." Nach Auskunft des Ministeriums kann das aber noch einige Zeit dauern: "Wir rechnen damit, dass eine Einführung 2017 oder 2018 erfolgen wird."

Brüterei: "Vorgehen entspricht geltendem Recht"

Bis dahin werden wohl noch Millionen männliche Küken den Vergasungstod finden. Die Brüterei LSL Rhein-Main nämlich sieht bei sich kein Fehlverhalten. "Das Vorgehen entspricht in allen Belangen dem geltenden Recht", erklärt das Unternehmen in schriftlicher Form. Die Tötung der Küken stehe unter der ständigen Kontrolle der zuständigen Behörden – und sei von diesen auch genehmigt.