Kreis Gießen bilanziert Ersthelfer-Projekt Katretter "Es sind Minuten, die Leben retten"

Bei einem Herzinfarkt entscheiden Minuten über Leben und Tod. Hier setzt das Projekt Katretter an, mit dem Freiwillige zu Ersthelfern werden. Der Kreis Gießen nutzt es seit fünf Jahren - und will es nun technisch erweitern.

Mann mit Brille hält eine Art roten Schlüsselanhänger in die Kamera. Hinter him steht das Auto eines Notarztes.
Björn Kohlhaussen. Bild © Alexander Gottschalk (hr)

Wenn es um Leben und Tod geht, dann muss die Dusche auch mal warten: Es war ein Sonntagmorgen, Björn Kohlhaussen war noch in der Jogginghose und saß mit seiner Familie am Frühstückstisch, da ging der Katretter-Alarm auf seinem Smartphone los.

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Sofort sprang er ins Auto und fuhr zu einem älteren Mann, den er bewusstlos vorfand. Unverzüglich begann er mit der Wiederbelebung – in diesem Fall leider erfolglos, wie er erzählt. Aber: Dass Kohlhaussen überhaupt da war, hat dem Patienten eine bessere Überlebenschance gegeben.

"Wenn Sie nichts tun, ist die Überlebenschance fast Null", sagt der ärztliche Leiter im Rettungsdienst des Landkreises Gießen, Nils Lenz: "Jeder, der anfängt zu drücken, erhöht die Überlebenschance des Menschen, der einen Herzkreislaufstillstand erlitten hat."

Kanpp 500 Katretter im Landkreis Gießen

Mann in blauem Anzug und mit Brille lächelt in die Kamera.
Nils Lenz Bild © Alexander Gottschalk (hr)

Als Rettungsdienstleiter koordiniert Lenz die 489 Katretter, zu denen auch Björn Kohlhaussen gehört. Katretter sind freiwillige Ersthelfer bei gesundheitlichen Notfällen. Das heißt: Wenn ein Notruf bei der zentralen Einsatzleitstelle im Landkreis Gießen eingeht, werden sie zusätzlich zum Rettungswagen alarmiert - in der Hoffnung, dass sie noch schneller vor Ort sind.

Katretter kann jeder werden, der mindestens 18 Jahre ist und im vorigen Jahr einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat. Im Landkreis Gießen sind aktuell viele Feuerwehrleute, Rettungsdienstmitarbeiter und Klinikmitarbeiter als Katretter angemeldet.

Auch Björn Kohlhaussen arbeitet hauptberuflich seit 23 Jahren in der Ersten Hilfe bei den Johannitern und hat sich zusätzlich als freiwilliger Helfer registrieren lassen.

In vier Minuten zum Einsatzort

Alarmiert werden Katretter nur, wenn sie einen Kilometer oder näher am Ort des Notfalls sind. Das passiert automatisch per Smartphone-Benachrichtigung. Jeder Einsatz ist aber freiwillig - wer gerade nicht kann oder will, darf den Einsatz ablehnen.

Im Jahr 2024 haben die Katretter laut dem Landkreis bei fast 100 Wiederbelebungen mitgeholfen. 88 Mal waren die freiwilligen Helfer dabei schneller oder genauso schnell wie der Rettungswagen, hieß es.

Katretter brauchen durchschnittlich vier Minuten zu einem Einsatzort, der Einsatzwagen sieben bis zehn Minuten, berichtete Landrätin Anita Schneider (SPD): "Das sind Minuten, die Leben retten."

Katretter ist ein App-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem, über das in mehreren Leitstellengebieten in Deutschland freiwillige Ersthelfer zu einem Herz-Kreislauf-Stillstand oder einer bewusstlosen Person in der Nähe gelotst werden können.

Geht also bei einer Rettungsleitstelle oder Rettungsorganisation ein Notruf über einen Kreislaufstillstand ein, alarmiert das System bis zu drei Personen, die sich in einem Radius von 500 Metern um die Einsatzstelle aufhalten. In weniger dicht besiedeltem Gebiet wird in einem Umkreis von bis zu 1.000 Metern gesucht.

Wichtig: Auch wenn ein Katretter kommt - es kommt immer auch ein Rettungswagen.

Im Landkreis Gießen wurden im Jahr 2024 genau 635 Mal die freiwilligen Retter alarmiert, mehr als zwei Drittel der Alarme konnten nach Angaben des Kreises angenommen werden, wobei nicht immer auch ein Retter vor Ort (nötig) war. Ein Großteil der Alarme betraf Ohnmachtsanfälle.

174 Mal wurde allerdings alarmiert, weil ein Mensch reanimiert werden musste. Hier schafften es demnach 98 Katretter an den Ort des Geschehens, wobei 88 von ihnen schneller oder genauso schnell waren wie der Rettungsdienst.

Vom Test zum Regelbetrieb

Vor fünf Jahren hat der Landkreis Gießen das System testweise eingeführt, wegen Corona gab es drei Jahre Pause. Jetzt ist klar, der Kreis ist so zufrieden mit seinen Katrettern, dass er sie weiter einsetzen will - aus dem Pilotprojekt wird ein Regelsystem.

Ziel sei es jetzt, noch mehr Ersthelferinnen und -helfer zu gewinnen. Die Ausbildung dazu sei kostenlos, betonte Landrätin Schneider. Und: Es gehe keinesfalls darum, den Fachkräftemangel abzumildern.

Die Zehn-Minuten-Frist vom Notruf bis zum Eintreffen der Rettungskräfte werde weiterhin eingehalten. Diese sogenannte Hilfsfrist ist im hessischen Rettungsdienstgesetz festgeschrieben.

Schlüsselanhänger für Herzdruckmassagen

Ein neuer Anreiz, damit sich noch mehr freiwillige Helfer registrieren, soll jetzt der so genannte CorPatch werden: Der sieht aus wie ein Schlüsselanhänger und soll den Freiwilligen bei Herzdruckmassagen helfen.

Trifft ein Retter oder eine Retterin bei einer leblosen Person ein, klebt er oder sie den Patch auf deren Brust. Der Patch beinhaltet einen Sensor, der sich automatisch mit einer App auf dem Handy des Helfers oder der Helferin verbindet. Während der Herzdruckmassage misst das System Druckfrequenz, Tiefe und Entlastung und gibt dem Ersthelfer über den Handybildschirm wichtige Hinweise.

Rund 100 der CorPatches hat der Landkreis für seine Katretter angeschafft. Das Ganze ist erneut ein Pilotprojekt, das wissenschaftlich begleitet wird vom Evangelischen Krankenhaus in Gießen.

Unsicherheit überwinden kann Leben retten

Auch als Profiretter bekommt Björn Kohlhaussen über ein EKG Hinweise, die Laien sonst nicht haben, sagt er. Die neuen CorPatchen könnten den Helfern Unsicherheiten nehmen. Die zu beseitigen ist wichtig, denn nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand überleben in Deutschland bislang nur rund zehn Prozent der Menschen – oft, weil sich Ersthelferinnen und -helfer keine Herzdruckmassage zutrauen.

Mit dem neuen Schlüsselanhänger kann die Reanimation nach Angaben des Herstellers sogar auch zu Hause geübt werden - ganz einfach, etwa mit einem Kissen.

Sendung: hr4,

Quelle: hessenschau.de