Technische Hochschulen Angehende Ingenieure bekommen Extra-Zeit fürs Studium

Ingenieursstudiengänge sind anspruchsvoll, die Abbrecherquoten sprechen für sich. Die Technische Hochschule Mittelhessen bietet Studierenden ein Modell mit weniger Zeitdruck. Fertig werden sie trotzdem so schnell wie die meisten anderen.

Ein junger Mann im braunen Hemd und mit zurückgekämmten schwarzen Haaren sitzt auf einem Tisch einem kleinen, weißen Roboter gegenüber. Die beiden schauen sich an. Sie sind in einem Labor.
Omid Kamali, Student der Elektro- und Informationstechnik, mit dem von ihm programmierten Roboter Nao. Bild © hr

Es geht ins neue Sommersemester, auch für die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen und Friedberg. Mit dabei: Roboter Nao. Der kann so einiges: tanzen, Dinge greifen oder hinsetzen. Bei all den Gelenken, die der humanoide Roboter so hat, ist das überraschenderweise der komplizierteste Auftrag.

Programmiert hat den Roboter Omid Kamali. Er studiert im vierten Semester Elektro- und Informationstechnik an der THM in Gießen - und zwar in einer Variante, die ihm einen höheren Praxisanteil und engmaschigere Betreuung garantieren soll.

Audiobeitrag
Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

"GettING Started" nennt die THM dieses Programm. Das bedeutet: Studenten wie Omid Kamali bekommen zwei Semester extra Regelstudienzeit - bei weniger Modulen und mehr Zeit pro Semester. Für BaFöG-Berechtigte wird auch der Bewilligungszeitraum um zwei Semester erweitert.

Mehr Praxis, mehr Vorbereitung auf Klausuren

Zeit, die Omid Kamali gut gebrauchen kann, wie er sagt: "Ich bin im Ehrenamt tätig bei der Freiwilligen Feuerwehr und ich spiele Schlagzeug in einer Band." Bei Ingenieursstudiengängen bleibt für solche Dinge kaum Zeit, weil das eigene Fach so lernintensiv ist.

Aber nicht nur die Extra-Zeit sei ein Vorteil von "GettING Started", führt Kamali aus: "Ich kriege Wiederholungsangebote für die Vorlesungen, Vorbereitungen auf die Klausuren und natürlich auch mehr Praxis." Die Unterstützung kommt dabei nicht nur von Dozenten, sondern auch von Studierenden in höheren Semestern.

Andere Technische Hochschulen übernehmen Modell

Elf Studiengänge an der THM sind Teil von "GettING Started". Neben Kamalis Studiengang - Elektro- und Informationstechnik - sind das etwa Maschinenbau, Biomedizinische Technik oder Bauingenieurwesen.

Im Jahr 2021 ging es an der THM mit der alternativen Studiengangvariante los. Die Idee fanden auch alle anderen Technischen Hochschulen in Hessen gut. Die Hochschulen in Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt und Fulda haben mittlerweile das Konzept übernommen, unter dem Verbund-Titel "Studium der angepassten Geschwindigkeit".

Die Regelstudienzeit wird oft ohnehin nicht eingehalten. Die "GettING Started"-Koordinatorin an der THM, Leonie Alteheld, sagt: Im Schnitt bräuchten die regulär Studierenden von Elektro- und Informationstechnik etwa drei Semester länger als die Regelstudienzeit, in dem Fall zehn statt sieben Semester. Bei den "GettING Started"-Studierenden dauere es ebenso lange. Da sie aber zwei Semester extra bekommen, lägen sie sind nur ein Semester über der angepeilten Dauer.

Fundierteres Fachwissen, höhere Eigenständigkeit

Die zusätzliche Praxis sieht dann so aus: Die Studierenden tüfteln in Laboren an humanoiden Robotern, lernen das Zusammenlöten von Platinen oder bauen ein autonom fahrendes Boot.

Eine Hand führt einen Lötkolben und arbeitet an einem kleinen Gerät mit mehreren Kabeln.
Im Labor für die angehenden Ingenieure an der Technischen Hochschule Mittelhessen. Bild © hr

"GettING-Started-Studierende haben ein fundierteres Fachwissen, wenn sie mit Ihrem Studium durch sind", sagt Laboringenieur Klaus Pechan. Er betreut die angehenden Elektro-Ingenieure in Basis-Kursen.

"Gegen Ende des Studiums sind die GettING-Studierenden diejenigen, die die höhere Eigenständigkeit an den Tag legen", hat Pechan beobachtet. Außerdem würden sie teilweise sogar schneller mit dem Studium fertig als Studierende in Regelstudienzeit, weil sie besser betreut würden und die Studenten mit der kürzer angedachten Zeitspanne ohnehin länger bräuchten.

Familie, Nebenjobs, Alltag: Dafür soll auch Zeit da sein

Das kann Leonie Alteheld bestätigen. Sie koordiniert die Studiengänge, die an "GettING Started" teilnehmen, und erstellt realistische Studienverlaufspläne - gemeinsam mit den Hochschülern.

Der Zeit-Faktor spiele nicht einfach bei lernschwächeren Studierenden eine Rolle, sagt sie: "Das sind ganz unterschiedliche Gründe. Manche Studierende haben Familien, um die sie sich kümmern müssten, viele haben Nebenjobs."

Auch Nicht-Muttersprachler hätten in den besonders anspruchsvollen Studiengängen besonders zu knabbern und profitierten von entzerrten Semestern, so Alteheld: "Aber eine Gruppe wird oft gern vergessen. Und das sind die, die auch einfach mal das Leben genießen wollen." Die Studienzeit sei zurecht lernintensiv, aber auch ein toller Lebensabschnitt, den man gelegentlich auch genießen dürfen solle.

Sendung: hr INFO,

Quelle: hessenschau.de