200 Jahre Museum Wiesbaden Ein Museum im Wandel zeigt die Welt im Wandel
Neuer Themenraum, neuer Name, neue Angebote für Besucher: In seinem Jubiläumsmonat April wirbt das Museum Wiesbaden mit allem, was es hat, um ein neues Publikum.
Zu seinem 200. Geburtstag hat sich das Museum Wiesbaden selbst ein Geschenk gemacht: einen neuen Themenraum. Alles darin dreht sich um Wandel. Ein passendes Motto zum Geburtstag, findet Direktor Andreas Henning.
Jede Generation müsse das Museum für sich neu entdecken, neue Fragen an das Museum stellen, sagt er: "Auch wenn wir 200 Jahre alt werden, fühlen wir uns nicht alt, weil wir im Wandel sind. Zum anderen ist Wandel ein Grundphänomen der Natur. Alles Lebendige verwandelt sich." Das Landesmuseum zeige dieses Lebensprinzip "in einer noch nie gesehenen Fülle" in dem neuen Raum, sagt Henning.
Das Anfang April 1825 eröffnete Museum Wiesbaden macht auch seinen Besucherinnen und Besuchern ein Geschenk zum runden Geburtstag: Den ganzen Monat über gibt es täglich Sonderführungen und freien Eintritt an den Wochenenden.
Das zeigt der interaktive Globus
Das Prunkstück des Themenraums zum Wandel ist ein großer interaktiver Globus. Über ein Touchpad kann man ihn bedienen. Das führt Hannes Lerp gerade vor. Er ist der Leiter der naturhistorischen Sammlung des Museums. Er lässt sich auf dem Globus anzeigen, welche Auswirkungen der Klimawandel hat, basierend auf Daten von 1890 bis 2010. "Wie man sehr gut sieht, steigt die CO2-Konzentration ab den Jahren 2000, 2010 sehr stark an, und dann wird es immer wärmer auf der Erde." Der interaktive Globus zeigt an, dass die Klimakrise ein weltweites Phänomen ist. "Niemand kommt drum herum", sagt Lerp.
Wie die Raupe sich zum Schmetterling wandelt, hat die große Naturforscherin Maria Sybilla Merian aus Frankfurt als eine der ersten genau beobachtet und gezeichnet. Sie muss eine ungeheuer mutige Frau gewesen sein, allein mit ihrer Tochter auf Expedition in Surinam - und das im 17. und 18. Jahrhundert.
Eines der kostbarsten Ausstellungsstücke hier ist ein handtellergroßer Schmetterling in faszinierendem Blau. Er sei über 300 Jahre alt, erzählt Hannes Lerp: "Maria Sybilla Merian steht am Anfang der biologischen Wissenschaft. Dass wir hier ein Stück von ihr zeigen können im Original, ist natürlich absolut herausragend."
Lerp schwärmt von dem "schillernden, metallischen Blau auf den Flügeln" des jahrhundertealten Präparats: "Das ist kein Pigment, sondern es sind kleine Strukturen, die eine Lichtbrechung verursachen und so dieses metallische Schillern hervorrufen."
Das steckt hinter der alten Fassade
Bürgerschaftliches Engagement hat zur Gründung des Museums Wiesbaden geführt, das nur zehn Jahre jünger als das Städel Museum in Frankfurt ist. Seine Fassade ist klassizistisch, drinnen aber geht es höchst lebendig zu. Gerade strömt Kunstlehrerin Maria Brinkmann vom Graf-Staufenberg-Gymnasium in Flörsheim (Main-Taunus) mit ihren Schülern herein.
Hier gibt es viel zum Beobachten mit Stift und Zettel, die Dauerausstellung "Ästhetik der Natur" ist genau dafür gebaut. Die Lehrerin sagt: "Für junge Menschen ist das Haus attraktiv, weil es sehr viel zu entdecken gibt, was man auf heute beziehen kann."
Brinkmann findet, dass die älteren Schülerinnen und Schüler in der kunsthistorischen Abteilung des Hauses gut fündig werden können: "Frauenbilder, Männerbilder - das finde ich immer sehr spannend für die Großen. Und für die Kleinen gibt es ganz viel in der naturhistorischen Abteilung zu entdecken." Die Kinder könnten dort "auf Erkundungen gehen und ins Abenteuer eindringen".
Darum hat das Museum einen neuen Namen
Zum runden Geburtstag gibt sich das Museum Wiesbaden einen coolen Namen - MuWi - und wirbt mit einem Wimmelbild in Flieder. Direktor Andreas Henning sagt über die Jubiläumskampagne: "Wir wollen frischer auftreten und neue Menschen ansprechen, die uns noch nicht oder zu selten besuchen." Das Wimmelbild zeigt viele Objekte und Kunstwerke aus den Sammlungen. Auf dass Neugierige sie im Museum entdecken wollen.
Als Haus mit zwei Sparten zeigt das Museum Wiesbaden auch Kunst aus vielen Epochen, von Alten Meistern bis zu Kunstschaffenden der Gegenwart. Ein Schwerpunkt ist die Klassische Moderne. Und der ist eng verbunden mit dem Namen des deutsch-russischen Expressionisten Alexej von Jawlensky.
Das ist der prägende Künstler für das Haus
Für Museumsdirektor Andreas Henning ist das ein Glücksfall. Jawlensky zog 1921 nach Wiesbaden und schuf hier sein ganzes Spätwerk, bis er 1941 starb. Er lobt, dass der erste Museumsdirektor nach dem Zweiten Weltkrieg, Clemens Weiler, gleich wieder eine Jawlensky-Sammlung aufgebaut habe, nachdem dessen Bilder in der NS-Zeit als "entartete Kunst" galten und abgegeben werden mussten.
"Wir haben seitdem um Jawlensky, diesen großen Mitbegründer das Blauen Reiters, herum gesammelt und besitzen heute die weltweit bedeutendste Kollektion an Werken Alexej von Jawlenskys. Der Blaue Reiter, die Brücke-Künstler, die Klassische Moderne all das ist ein Schwerpunkt hier im Haus", wirbt der Direktor für sein Museum.
Darum blickt das Museum unentwegt auf seine Vergangenheit
Nach 1945 waren in Wiesbaden sogar einige weltbekannte Ikonen der Kunstgeschichte zu sehen. Die US-Amerikaner hatten im unzerstörten Museum Wiesbaden einen Central Collecting Point eingerichtet, ein Sammeldepot für Raubkunst der Nazis, auch für ausgelagerte Werke aus Berliner Museen.
Andreas Henning blickt zurück: "Daher war hier in Wiesbaden für einige Jahre beispielsweise die Nofretete zu sehen oder Rembrandts 'Mann mit Goldhelm'. Wenn man Menschen trifft, die diese Zeit erlebt haben, die schwärmen alle von den Schätzen, die hier zu sehen waren."
Heute ist in Wiesbaden die zentrale Stelle Provenienzforschung Hessen angesiedelt, die für sämtliche Landesmuseen untersucht, ob deren Kunstwerke rechtmäßig erworben oder in der NS-Zeit jüdischen Besitzern abgepresst wurden. Auch das Museum Wiesbaden selbst ist betroffen. Direktor Henning berichtet, dass in den vergangenen zehn Jahren neun Werke restituiert, also zurückgegeben worden seien oder dass das Haus mit den Eigentümern sich gütlich geeinigt habe, so dass die Werke im Museum bleiben konnten.
Im Verbund mit anderen Museen und Sammlungen untersucht das Museum Wiesbaden außerdem die ethnographischen Bestände: Speere, Masken, Schädel aus fernen Ländern, die in der Kolonialzeit ins Haus kamen. Dabei geht es um diese Fragen: Wie gelangten sie nach Deutschland? Und wie kann man das Unrecht heilen? Im November will das Museum Wiesbaden dazu am Beispiel Kamerun die Ausstellung "Speerspitzen der Erinnerung" zeigen.