Neues Eventformat Kopfhörer runter! Live-Podcast-Shows boomen
Live-Podcast-Shows sind der neue, heiße Trend. Auch in Hessen setzen viele Fans die Kopfhörer ab, um ihre Lieblingspodcaster live zu erleben. Die Veranstalter profitieren ebenfalls.
Die Schlange vor dem Merchandise-Stand in der Frankfurter Brotfabrik ist gut 15 Meter lang. Hier reiht sich eine Hörerin an die andere. Alle wollen mit Alina Sophie und Janina "Jani" Hager vom Podcast "Wine Wednesday" nach deren Live-Show ein Foto machen. Malvina hat gerade ein solches ergattert. "Ich war so aufgeregt", erzählt sie. "Es ist total surreal, den beiden in echt gegenüberzustehen."
Umgekehrt bestätigt die gebürtige Gießenerin Alina, dass es auch für die Podcasterinnen etwas Besonderes ist, die Gesichter ihrer Hörerschaft zu sehen. "Das Feedback, das wir bekommen, ist unfassbar wertvoll."
Zwei ausverkaufte Abende in Frankfurt
Alina und Jani touren gerade mit ihrem Unterhaltungspodcast zwei Wochen lang durch ganz Deutschland. Elf Shows spielen sie dabei - viele von ihnen sind ausverkauft. In der Frankfurter Brotfabrik standen sie sogar an zwei Abenden hintereinander auf der Bühne, so groß war der Andrang auf die je 200 Karten.
Podcast-Boom durch Pandemie
Jeden Mittwoch plaudern Alina und Jani in "Wine Wednesday" bei einem Glas Wein auf unterhaltsame Weise über ihr Leben als Mittzwanzigerinnen. Was als Projekt unter Freundinnen zur Corona-Zeit entstand, erreicht mittlerweile im Schnitt etwa 60.000 Hörende pro Folge.
Die Pandemie hat dem Medium Podcast einen enormen Aufschwung verliehen. Inzwischen hören laut aktuellem Online-Audio-Monitor fast 30 Prozent der Deutschen mindestens einmal im Monat Podcasts. Und mit diesem Boom ist ein neues Eventformat entstanden: Die Live-Podcast-Show.
Live-Podcasts als Gemeinschaftserfahrung
Auch der Fuldaer Shaggy Schwarz steht mit seinem True-Crime Podcast "Mörderische Heimat" regelmäßig in Fulda auf der Bühne. Zusammen mit Zeno Diegelmann und Lisa Cardinale beschäftigt er sich darin mit echten Verbrechen. Zunächst ging es um Taten aus der Region rund um Fulda, inzwischen besprechen sie Fälle in ganz Deutschland.
Er kann bestätigen, dass der Ansturm auf die Karten ihrer Live-Shows enorm ist. Wie auch im Podcast, besprechen sie bei der Live-Show zwei Kriminalfälle. Was die Fans dabei schätzen: Sie können mit den Hosts interagieren. "Im zweiten Teil der Show darf das Publikum immer Fragen stellen, die wir dann versuchen zu beantworten", erzählt Schwarz. Live-Podcasts werden damit zur Gemeinschaftserfahrung und stärken die Bindung zwischen Podcastern und Hörenden.
Nicht jeder Podcast funktioniert live
Damit so eine Veranstaltung ein voller Erfolg wird, sollte man vorher allerdings ein paar Dinge beachten, wie Maxine Selke berichtet. Sie ist die Tourmanagerin von "Wine Wednesday" und arbeitet schon seit Jahren in der Podcast-Branche.
"Der Podcast sollte mindestens 10.000 Hörer bzw. Hörerinnen haben", empfiehlt sie. "Und auch dann sollte man erstmal Testshows machen und nicht direkt auf Tour gehen." Podcasts, die auf Wissen und weniger auf Unterhaltung abzielen, würden live nicht funktionieren.
Wichtig sind auch Fanartikel. Bei "Wine Wednesday" kann man von Kappen über T-Shirts bis hin zum podcasteigenen Wein alles kaufen. "Da haben die Leute richtig Bock drauf", sagt die Tourmanagerin in der Pause der Podcast-Show am Merchandise-Stand. "Durch die Fanartikel können sie sich mit dem Podcast identifizieren und dann auf der Straße laufen und gegenseitig erkennen: Hey, ich bin auch ein Wine Wednesday Girl."
Sponsoring macht Tour rentabel
Neben der Bindung zwischen Publikum und Podcast-Hosts ist das neue Eventformat auch wirtschaftlich spannend. Auch wenn man mit so einer Tour nicht reich wird, wie Alina und Jani betonen. Damit es sich rentiert, haben sie Kooperationen mit einem Wein-Hersteller sowie einem Schmuck-Label abgeschlossen.
Der Wein wird beim Podcasten getrunken, der Schmuck auf der Bühne getragen - und hinter ihnen prangen die Logos der Firmen auf der Videowall. "Die Leute gucken zwei Stunden lang auf die Bühne. Damit ist zwei Stunden lang Markenpräsenz da", erklärt Tourmanagerin Selke.
Neues Publikum für Veranstalter
Auch den Veranstaltern bieten die Podcast-Shows spannende, neue Chancen. Stefanie Weise von der Frankfurter Brotfabrik verfolgt das Geschehen auf der Bühne vom Technikerplatz aus und erzählt, dass sie inzwischen fünf bis sechs Podcast-Shows pro Jahr im Programm hat. Fast jede Show sei ausverkauft.
"Wir kriegen durch die Podcasts neue Leute, die vielleicht noch nie von uns als Brotfabrik gehört haben. Die kommen dann rein und denken: Ah, das ist ja ganz hübsch - und kommen dann vielleicht zu einem Konzert mal wieder", erklärt sie.
Mehrwert für alle
Eine Win-Win-Situation für alle Seiten also: Veranstalter profitieren durch volle Säle und neues Publikum. Podcaster und Fans begegnen sich in echt. "Ich habe mir lange die Frage gestellt, was trage ich eigentlich zur Gesellschaft bei, welchen Mehrwert kann ich bieten?", sagt Jani und legt den spaßigen Ton ab, den sie auf der Bühne anschlägt.
"Und dann wurde mir klar: Wir bringen den Leuten wirklich was, die uns hören. Sie werden dadurch selbstbewusst, fühlen sich verstanden. Sie haben das Gefühl, sie haben zwei Freundinnen." Ob über Kopfhörer oder eben live auf der Bühne, wie an diesem Abend in der Brotfabrik in Frankfurt.