Alternative Spielstätte für das Staatstheater Visionäre Architektur: Kassels Interims-Bühne wächst

Auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne entsteht derzeit eine temporäre Spielstätte für das Staatstheater Kassel. Im Herbst muss alles fertig sein. Das nüchterne Gebäude ist der Startschuss für die Entwicklung eines neuen Quartiers.

Zwei LKW stehen in einer großen Halle. Ihre Ladebordwände am Heck bilden eine Bühne.
Hier wird noch in diesem Jahr ein Theater für 850 Zuschauerinnen und Zuschauer entstehen. Bild © Stefanie Küster (hr)

Inmitten der historischen Bebauung der Jägerkaserne unweit der Auestadionkreuzung ragt ein Bau mit grauer Fassade gut 22 Meter in die Höhe.

Was von außen trotz der Größe fast schon unscheinbar daherkommt, bietet im Inneren bereits in diesem Stadium eine beeindruckende Kulisse.

Ein großes Gebäude ist mit grauen Fassadenplatten verkleidet. Davor ein Parkplatz mit Autos.
Im Oktober fertig: die Interims-Spielstätte für das Staatstheater Kassel. Bild © Stefanie Küster (hr)

Ein Interimsbau für 850 Zuschauerinnen und Zuschauer

Auf einer Grundfläche von 27 mal 55 Metern lässt der Interims-Bau für das Staatstheater Kassel erahnen, welche Wirkung das Gebäude entfaltet, wenn es mit Leben gefüllt wird. Insgesamt 850 Menschen passen rein - und damit nur etwa 100 weniger als ins derzeitige Opernhaus. 

Am Mittwoch stehen zwei Theater-Lkw inmitten einer Halle. Ihre Ladebordwände am Heck bilden eine Bühne für die Protagonisten des Tages. In den Hauptrollen erleben die Anwesenden einen Oberbürgermeister, einen Theaterintendanten und einen Minister, dazu den Projektleiter des Bauunternehmens und den Chef einer örtlichen Wohnungsbaugesellschaft als Bauherr.

Der Plot ist schnell erzählt: Viele Menschen bauen in Windeseile ein Theater, das nur fünf Jahre Bestand haben wird.

Fünf Männer und eine Frau stehen auf den Ladewandbühnen zweier LKW wie auf einer Bühne. Der eine ist schwarz, der andere weiß. Beide Laster stehen in einer riesengroßen Halle, die noch im Bau ist.
Am Mittwoch haben OB Sven Schoeller, Minister Timon Gremmels und Intendant Florian Lutz über den Baufortschritt informiert. Bild © Stefanie Küster (hr)

Bau der Interimsspielstätte schreitet voran

Schnelligkeit haben die Akteure bis hierhin schon bewiesen. Anfang Juli 2024 fiel der Startschuss für das Großprojekt, kurz vor Weihnachten folgte bereits das Richtfest. Seitdem ist das temporäre Gebäude in einer beeindruckenden Geschwindigkeit gewachsen.

Grund für den Bau der temporären Spielstätte: Das Staatstheater Kassel wird ab der Spielzeit 2025/2026 umfassend saniert. Der sogenannte “Interim” soll den Spielbetrieb während dieser Zeit ermöglichen.

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Bild © Stefanie Küster (hr)| zur Audio-Einzelseite
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Oberbürgermeister wagt Vergleich mit königlicher Spielstätte

"Dresden hat die Semperoper, Kassel hat das Interim" - Kassels Oberbürgermeister Sven Schoeller kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Beim Ortstermin am Mittwoch verwies Schoeller erneut auf die Bedeutung der Stadt als wichtigen Theaterstandort in Deutschland.

Der Bau ist Teil der städtebaulichen Entwicklung des gesamten Areals. Künftig sollen hier auch Wohnungen entstehen. Schoeller bezeichnete die Interimsspielstätte als “Ausrufezeichen für den Theaterstandort Kassel”.

Ein Mann im Anzug steht vor einem schwarzen LKW in einer großen Halle.
Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne): Interim statt Semperoper. Bild © Stefanie Küster (hr)

Dieser wird dann von einem Container-Dorf umgeben sein – mehr als 160 Container sollen als Künstlergarderobe, für Technik und als Lagerräume dienen. Auch der Kostümfundus, Werkstätten, Büros, Küche und Toiletten und ein Ticketshop finden hier Platz.

Völlig neue Spielperspektiven 

Intendant Florian Lutz machte Lust auf fünf Jahre Interim. Der Bau sei eine Art “Salle modulable” und habe im Vergleich zum Opernhaus eine größere Nutzfläche. Das ermögliche "Spielperspektiven, die es sonst nicht gibt" so Lutz.

Eine Herausforderung sei der Umzug: insgesamt 300 Mitarbeitende aus etwa 100 Räumen Deshalb wird das Opernhaus bereits am 22. Juni schließen. 

Die Eröffnung des Interims ist für den 31. Oktober geplant. Um die Wartezeit nicht allzu lang werden zu lassen, plant Lutz mit seinem Team im alten Opernhaus das klassische Theaterfestival, aber auch halbszenische Opern und ein Filmmusik-Konzert.

Vom Guckkasten zum 360-Grad-Raum 

An der neuen Spielstätte soll dann die beliebte Oper "Aida" unter der Leitung des neuen Generalmusikdirektors Ainārs Rubiķis gezeigt werden. Dazu Stücke, die laut Lutz "so offen und vielfältig sind, wie die Stadtgesellschaften, in denen wir leben". Bei historischen Theaterräumen komme man da schnell an eine Grenze. Der neue, verwandlungsfähige Bau ermögliche hingegen mehr zeitgemäße Facetten. Orchestergraben und eine Drehscheibe wird es hier auch geben, dazu einen flexiblen Zuschauerraum.  

Von der klassischen Guckkasten-Bühne mit einer zentralen Perspektive bis hin zu einem 360 Grad-Raum, "in dem sich Bühnenfläche und Publikum durchmischen – alles sei möglich, so Lutz, der das Staatstheater bis 2031 leiten wird.

Noch mehr Wege führen zum Theater 

Für Theaterfans beginnt damit eine neue Ära - nicht nur was die Vielfalt an Aufführungen angeht. Künftig werden sie für einen Theaterbesuch nicht zum Friedrichsplatz, sondern ans Auestadion fahren. Das Theater erreichen sie dann über den Hauptzugang an der Ludwig-Mond-Straße.  

Zusätzlich erreicht man das Gelände dann über zwei eigens eingerichtete Zugänge. Eine mehrteilige Rampenkonstruktion wird direkt von der Frankfurter Straße am Park Schönfeld zum Interims-Bau führen, dazu wird es einen neuen Zugang in Höhe der Auestadionkreuzung geben.

Eine noch nicht fertiggestellte Stahkonstruktion ähnlich wie ein Fachwerk. Im Hintergrund mehrstöckige, historische Bebauung.
Was für ein Blick! Der Interims-Bau entsteht auf dem Areal der ehemaligen Jägerkaserne. Bild © Stefanie Küster (hr)

Minister Gremmels: "ein Gebäude mit Strahlkraft"

Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels zeigte sich beeindruckt von den Dimensionen. Der Bau sei beispielgebend dafür, wie Stadt und Land Hand in Hand zusammenarbeiten können und ein "Gebäude mit Strahlkraft, das sich sehen lassen kann". 

Die Gesamtkosten für die Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel belaufen sich auf etwa 19 Millionen Euro. Diese Summe umfasst sowohl die Bau- als auch die Rückbaukosten der Modulhalle. Das Land Hessen trägt 80 Prozent der Kosten, während die Stadt Kassel die restlichen 20 Prozent übernimmt.

Zwei Männer stehen vor einem schwarzen LKW mit dem Aufdruck "Staatstheater Kassel". Einer trägt einen Anzug, der andere einen hellen Rollkragenpullover und ein dunkles Sakko.
Intendant Florian Lutz (links) und Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels (SPD) freuen sich auf den Start Ende Oktober. Bild © Stefanie Küster (hr)

Enger Zeitplan macht erfinderisch 

Umgesetzt wird das Projekt von Nüssli, einem Bauunternehmen aus der Schweiz. Senior-Projektleiter Otto Schweitzer bezeichnete den Bau als “anspruchsvoll”, weil er so variabel sei. Um den Zeitplan einzuhalten, werden Bühnenboden, Technik und der Schnürboden für das Heben und Senken von Bühnenteilen gleichzeitig eingebaut. 

Deshalb wird ein fliegendes Gerüst mit 80 Motoren unter die Decke gehängt. Durch den temporären Zwischenboden können die Arbeiten Ende April parallel erfolgen. Licht- und Tontechnik kommen dann in einem nächsten Schritt.

Eine Decke in 18 Metern Höhe. Sie ist mit unzähligen Metallstreben versehen. An der Wand ist eine große, rechteckige Aussparung.
18 Meter hoch: Blick unter die Decke. Bild © Stefanie Küster (hr)

Neues Leben für historisches Exerziergebäude 

Für das Gelände gibt es sogar noch einen neuen Spin: Im Zuge des Baus von Theater und Wohnraum soll die ehemalige Exerzierhalle saniert werden. Das einstige Militärgebäude gehört der Stadt und soll künftig das gastronomische Angebot für Theatergäste erweitern und zur Entwicklung des Quartiers beitragen. 

Eine Baustelle. Im Vordergrund stehen mehrere Transporter, rechts ein historisches Gebäude, links ein moderner Bau mit hellgrauen Platten als Oberfläche.
Das einstige Exerzierhalle (links) soll im Zuge des Theaterneubaus saniert und genutzt werden. Bild © Stefanie Küster (hr)

Und wenn es nach Minister Gremmels geht, dann bekommt die ganze Story sogar noch ein Happy End – denn er ist sich sicher: "Die Kasseler werden das Gebäude in ihr Herz schließen".

Dass sich damit alle Menschen der Stadt angesprochen fühlen können, machte OB Schoeller am Ende noch einmal deutlich: "Das hier ist keine Versammlungsstätte für Champagnerflöten, sondern für die ganze Stadtgesellschaft."

Sendung: hr4,

Quelle: hessenschau.de