Ein Jahr nach dem Gasleck bei Tyczka Der Tag, als in Niederzeuzheim das Gas austrat

Vor einem Jahr beginnt in Hadamar-Niederzeuzheim ein tagelanger Ausnahmezustand. Gas tritt unkontrolliert aus, das halbe Dorf wird evakuiert. Warum auch ein Haus explodierte, ist jetzt bekannt: Der Strom war wohl noch an.

Feuerwehrleute laufen hinter einer Absperrung zu einem Wohnhaus.
Vor einem Jahr wurde halb Niederzeuzheim zum Sperrgebiet Bild © Alina Leimbach (hr)
Videobeitrag

Rückblick: Der Tag, als in Niederzeuzheim das Gas austrat

startbild_
Bild © hr
Ende des Videobeitrags

Alles beginnt eigentlich recht harmlos. Am 26. Februar 2024 wird in Hadamar-Niederzeuzheim (Limburg-Weilburg) eine Straße gesperrt. "Irgendwo ein kleiner Unfall", denkt sich Ortsvorsteher Ewald Schlitt damals. Doch dann heißt es plötzlich: Gasalarm. "Und dann ging alles Schlag auf Schlag."

Das Chemieunternehmen Tyczka betreibt am Ortsrand ein Flüssiggaslager und füllt dort Gasflaschen ab. In Jahrzehnten ist dort nie etwas passiert - bis zu diesem Tag. Ein unterirdischer Flüssiggastank mit einem Volumen von 400 Kubikmetern hat ein Leck, Propangas strömt unkontrolliert aus, heißt es.

Eine halbe Ortschaft wird evakuiert

Das halbe Dorf wird zur Sperrzone erklärt. Kindergarten und Schule werden evakuiert, rund 700 Menschen müssen ihre Häuser verlassen, erst 300 Meter um die Firma, später 400. Viele kommen zunächst in der Mehrzweckhalle unter, doch bald wird klar: Diese Nacht wird hier niemand im eigenen Bett schlafen.

Feldbetten in Mehrzweckhalle
In der eingerichteten Notunterkunft übernachteten etwa 20 Menschen Bild © 5vision.news

Die Stadt organisiert Notunterkünfte, doch die meisten Betroffenen kommen privat unter. Auch Rolf Gotthardt und seine Frau schlafen bei Verwandten im Nachbarort - die Grenze der Sperrzone verläuft direkt über ihrem Balkon.

"Den beiden Katzen haben wir noch eine ordentliche Portion Futter gegeben", erinnert sich Gotthardt. Er ist sich sicher: Die Verantwortlichen haben die Lage im Griff, morgen ist alles vorbei. Doch dann kommt es ganz anders.

Explosion in der Sperrzone

Audiobeitrag
Ende des Audiobeitrags

In der Nacht explodiert innerhalb der Sperrzone ein Einfamilienhaus - in Anwesenheit des Besitzers. Wie durch ein Wunder überlebt er die massive Verpuffung nur leicht verletzt. Vom Haus bleibt allerdings nichts als Schutt übrig.

Schnell ist klar: Der Anwohner hielt sich widerrechtlich in der Sperrzone auf. Ebenso schnell beginnen Spekulationen darüber, ob er die Explosion wohl selbst verursacht hat. Auch die Polizei ermittelt.

Drohnenaufnahme von Trümmern
Von dem Wohnhaus waren nur noch Trümmer übrig, inzwischen ist das Grundstück geräumt. Bild © picture-alliance/dpa

Mann schlief wohl im Haus

Mittlerweile ist der Mann wieder vollständig genesen. Dem hr sagt er: Er habe die Dringlichkeit der Situation damals nicht erfasst. Da sich auch Einsatzkräfte noch im direkten Umfeld seines Hauses aufgehalten hätten, sei er davon ausgegangen, weiter im Haus bleiben zu können.

Während der Explosion habe er nach eigenen Angaben im Obergeschoss geschlafen. Die Rettungskräfte hätten ihn in Boxershorts und T-Shirt aufgefunden.

Inzwischen wisse er, dass die Versicherung den Schaden am Haus übernimmt. Er selbst sei entlastet, durch ein Schadensgutachten, das dem hr exklusiv vorliegt.

Warum blieb der Strom eingeschaltet?

Darin heißt es: Die Explosion wäre auch ohne seine Anwesenheit passiert. Propangas könnte durch alte Rohrleitungen vom Firmengelände in den Keller des Hauses gelangt sein. Wahrscheinlich sei die Explosion durch eine Gastherme oder einen elektrischen Schaltfunken ausgelöst worden.

Eine Karte vom Ortsteil Hadamar-Niederzeuzheim. Eingezeichnet ist der Punkt des Gasaustritts und die Evakuierungszone von 400 m Radius
Der Evakuierungsbereich wurde nach der Explosion ausgeweitet. Bild © hessenschau.de, OpenStreetMaps-Mitwirkende

Überraschend ist jedoch eine weitere Erkenntnis des Gutachtens: "Die Explosion hätte verhindert werden können, wenn die Stromversorgung des Wohnhauses beziehungsweise des Evakuierungsbereichs zeitnah zu Beginn der Evakuierung abgeschaltet worden wäre." Der Strom wurde demnach erst Stunden nach der Explosion abgestellt.

Keine Antworten von der Stadt

Ob und warum der Strom nachts noch lief, will die Stadt Hadamar auf hr-Anfrage nicht kommentieren. Sie verweist auf ein laufendes Verfahren. Worum es darin geht und wer beteiligt ist, will sie ebenfalls nicht beantworten. Der Anwohner erklärt, er gehe nicht gegen die Stadt vor.

Die Staatsanwaltschaft Limburg bestätigt die Erkenntnisse des Gutachtens. Sie ermittle nicht strafrechtlich, betont sie, fügt aber hinzu: Es könne nicht ganz ausgeschlossen werden, dass auch eine stromunabhängige Zündquelle die Explosion ausgelöst habe.

Wie es zu dem Gasleck kam

Immerhin ist inzwischen geklärt, wie es zu dem Gasaustritt kam, der erst nach fünf Tagen unter Kontrolle gebracht werden konnte, als der Tank dann leer war. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände", sagt Uli Hanke von der Firma Tyczka.

Feuerwehrleute bei einem Einsatz in einem Chemiebetrieb, wo aus einem Leck in einer Leitung Flüssiggas austrat
Feuerwehrleute auf dem Gelände des Flüssiggas-Abfüllbetiebs in Hadamar. Bild © picture-alliance/dpa

Ein defekter Kugelhahn, äußerlich nicht als kaputt erkennbar, habe eine automatische Schnellschlusseinrichtung außer Kraft gesetzt. "Heute könnte so etwas nicht mehr passieren", betont Hanke. Die Firma habe zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, darunter eine doppelte Absperrung.

Tyczka wolle sich erneut bei den Betroffenen entschuldigen für die Umstände, so Hanke. Auch Entschädigungen wurden gezahlt: 300 Euro pauschal pro Haushalt, mit Nachweisen auch mehr.

Der Betrieb in Niederzeuzheim läuft seit November wieder - mit behördlicher Genehmigung.

Dankbarkeit trotz Ausnahmezustand

Ortsvorsteher Schlitt will ein Jahr später vor allem auf das Positive blicken: Er hat Danke-Plakate drucken lassen, die an den Ortseingängen aufgestellt werden, als Anerkennung für alle, die geholfen haben. Am 7. März wird es zudem ein Helferfest geben, organisiert von der Stadt Hadamar und gesponsert von Tyczka.

zwei Männer halten Schild hoch mit der Aufschrift "Zeuzheim sagt dankeschön"
Anwohner Rolf Gotthardt (links) und Ortsvorsteher Ewald Schlitt Bild © Benjamin Müller

Schlitt ist überzeugt: Rein menschlich bleibe diese Zeit den allermeisten im Ort in positiver Erinnerung. "Wir haben große Hilfsbereitschaft erlebt und gesehen, was man gemeinsam bewirken kann." Doch er betont: "Es ist gut, dass es vorbei ist. So etwas möchten wir nie wieder erleben."

Den Tieren geht es auch gut

Auch Rolf Gotthardt meint, dass es viel schlimmer hätte kommen können. Hätte es Tote gegeben oder wäre das halbe Dorf in die Luft geflogen, säße man heute ganz anders hier, sagt er.

Für die zurückgelassenen Haustiere der evakuierten Anwohner ging die Krise übrigens glimpflich aus: Mithilfe der Feuerwehr wurden sie zwischenzeitlich versorgt. Auch die Katzen der Gotthardts haben alles gut überstanden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau,

Quelle: hessenschau.de