Probleme in Frankfurts Partyviertel "Kotzende Idioten" sorgen für Anwohner-Alarm in Sachsenhausen
Lärm, Dreck, Druckbetankungen: Das Frankfurter Ausgehviertel in Alt-Sachsenhausen verkommt immer mehr zu einem Ballermann am Main. Die Bewohner schlagen Alarm und wehren sich, selbst die Wirte sind genervt.
Im vergangenen Sommer zeigte sich Alt-Sachsenhausen mal wieder von seiner schöneren Seite. Im wohl bekanntesten Vergnügungsviertel Frankfurts feierten Fans aus ganz Europa abwechselnd die Fußball-EM und sich selbst. Die von Saxophon-Spieler André Schnura oder dem Balkonultra angeheizte Stimmung schwankte zwischen Ausgelassenheit und Ekstase. Größere Ausschreitungen, wie sie bei anderen großen Turnieren leider oft vorkommen, gab es nicht. Die Welt zu Gast bei Frankfurter Freunden.
Im Alltag sieht die Situation rund um die zahlreichen Kneipen, Apfelwein-Restaurants und kleineren Clubs südlich des Mains jedoch oft anders aus. Die Party ist zwar weiter in vollem Gange. Die anschließenden Kater-Kopfschmerzen ereilen aber auch diejenigen, die gar nicht mitgefeiert haben.
Anwohner beklagen Verwahrlosung
"Hier dominieren Lärm, Vandalismus und zunehmende Kriminalität", schlägt eine kürzlich gegründete Anliegerinitiative in großen Lettern auf ihrer Webseite Alarm. Die Entwicklung in Alt-Sachsenhausen sei dramatisch, die Sicherheitslage besorgniserregend, die Gegend rund um die Klappergasse inzwischen ein "Ort der Verwahrlosung", heißt es.
Garniert werden die drastischen Formulierungen mit nicht weniger eindringlichen Fotos. Neben der Vermüllung der Straßen wurden vor allem Ausscheidungen aller Art dokumentiert. Hier Zerbrochenes, dort Erbrochenes. Klare Sache: Den Anwohnerinnen und Anwohnern stinkt es gewaltig. "Wir wohnen hier mittlerweile auf einer Bahnhofs-Toilette", sagt der Initiator der Initiative, Oliver Tamagnini, im Gespräch mit dem hr. Verkommt Alt-Sachsenhausen zum Schmuddel-Viertel?
Laut der zunehmend genervten Sachsenhäuser Bürgerinnen und Bürger: definitiv ja. In einer mehrseitigen Broschüre hat die Gruppe - die laut Tamagnini immer größer wird und inzwischen auch Unterstützer aus den umliegenden Gebieten wie dem Brückenviertel hat - "die Krise und den Verfall in Alt-Sachsenhausen" dokumentiert. Die eindeutige Botschaft: Ein normales Leben ist hier aktuell nicht mehr möglich, die Anwohner befinden sich demnach in einem permanenten Ausnahmezustand zwischen Grenzüberschreitungen und Bedrohungen.
Sachsenhausen wird zum Ballermann
Tamagnini und seine Mitstreiter betonen zwar, dass sie Sachsenhausen, das schon immer etwas wilder, bunter und lauter war als die meisten anderen Gebiete der Stadt, "nicht in einen Friedhof verwandeln" wollen. Der derzeitige Mix aus Lärm, auf der Straße abgestelltem Müll, Wildpinklern, einer offenen Drogen-Szene, immer mehr weggeworfenen Lachgas-Flaschen und Sauf-Klientel sei aber nicht länger hinnehmbar.
"Die Ballermann-Billig-Gastronomie", wie Tamagnini es nennt, sei immer mehr geworden und ruiniere inzwischen das ganze Viertel. "Wir wollen hier keine kotzenden Vollidioten."
Ausgeh-Verhalten schadet den Kneipen und dem Viertel
Ein Zustand, der auch Wirt Oliver Thies zunehmend ratlos macht. Der Besitzer der Bar "Klapper 33", der seit mehr als 25 Jahren und nach eigenen Angaben bis zu 363 Tagen im Jahr Getränke an durstige Frankfurter Kehlen ausschenkt, erkennt sein Alt-Sax seit der Corona-Pandemie nicht mehr wieder.
Auch er bestätigt die hemmungslose Beschallung einiger Lokalitäten bis in die frühen Morgenstunden im Freien, auch er beklagt die zunehmende Verrohung der Sitten. "Wenn du hier am Wochenende langläufst, denkst du neben dir startet ein Düsenjet. Das ist wie im Kriegsgebiet."
Doch warum genau hat sich Alt-Sachsenhausen von einer Frankfurter Partymeile in einen hessischen Ballermann verwandelt? Für Tamagnini und Thies gibt es zwei wesentliche Gründe: Zum einen machten viele – vor allem neueröffnete Läden – inzwischen was sie wollen und übersteigen die erlaubten Dezibel-Zahlen um ein Vielfaches. Das überforderte Ordnungsamt komme nicht mehr hinterher.
Zum anderen habe sich das Ausgeh-Verhalten geändert: "Die Leute decken sich am Kiosk mit billigem Alkohol ein und benehmen sich dann daneben. Die führen das Vorglühen ad absurdum", so Thies.
Die Folge: Die Straßen sind voll mit betrunkenen Menschen, die die ohnehin laufende Musik als Einladung zu einer Open-Party verstehen. Einnahmen für die Wirte gibt es nicht, dafür massig leere Flaschen und volle Blasen. Was oben reinkommt, muss unten wieder raus. Ein Teufelskreis. "Das ist hier in den vergangenen Jahren wirklich völlig eskaliert", fasst Thies zusammen.
Zahl der Gewalttaten ist hoch
Erschwerend kommt hinzu, dass diese Entwicklung nicht nur ärgerlich für alle Anwohner und Wirte ist. Sie spiegelt sich auch in wachsender Kriminalität wider. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres, aktuellere Zahlen liegen derzeit noch nicht vor, wurden laut der Polizei 86 Gewalttaten in Alt-Sachsenhausen begangen. Wohlgemerkt: in einem Gebiet, das rund 0,2 Quadratkilometer groß ist.
Zum Vergleich: Der Durchschnitt im Rest Frankfurts liegt für einen Bereich dieser Größe bei 6,4 Straftaten, wie Polizeihauptkommissar Andreas Arnold in der FNP vorrechnete. Dass die allermeisten Polizei-Einsätze am Wochenende ab 1 Uhr nötig sind, passt ins Bild. Dass am Wochenende insgesamt sieben zusätzliche Einsatzkräfte eingesetzt werden müssen, ebenso. Vor allem die Fälle von Rohheitsdelikten und Diebstählen hätten seit der Pandemie enorm zugenommen, teilte die Polizei auf Anfrage mit.
Nun ist es natürlich so, dass viele Menschen auf einem relativ kleinen Platz immer und überall für einen Anstieg der Probleme und Auseinandersetzungen sorgen. Dass in Alt-Sachsenhausen seit diesem Januar eine Waffenverbotszone eingerichtet wurde und das Viertel in der kürzlich veröffentlichten Kriminalstatistik Frankfurts neben dem Bahnhofsviertel als Brennpunkt bezeichnet wird, ist aber bezeichnend. Alt-Sachsenhausen gleicht einem Pulverfass.
Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht
Die entscheidende Frage: Wie geht es weiter? Zusätzlich zur Einhaltung und behördlichen Durchsetzung der bereits bestehenden, aber teilweise völlig ignorierten Regeln, müssen laut Thies und Tamagnini weitere gesetzliche Einschränkungen her. Problem dabei: Genau an diesem Punkt sind sich Anwohner und Wirt nicht mehr vollends einig.
Die Bürgerinitiative wünscht sich eine auf 2 Uhr vorgezogene Sperrstunde. Diese würde bei allen Bars und Kneipen jedoch zu einem erheblichen Umsatzeinbruch führen. "Dann kann ich auch schließen", so Thies, der deshalb für eine Ausweitung der Waffenverbotszone auf alle Tage und ein gleichzeitiges und flächendeckendes Glasverbot plädiert. Kein Billig-Alkohol vom Kiosk, weniger Müll, weniger Verletzungsgefahr, weniger Leute auf den Straßen. "Das würde helfen." Bis es so weit ist, wird aber wohl noch jede Menge Urin die Klappergasse hinunterfließen.
Ihre Kommentare Wie empfinden Sie die Situation auf Partymeilen?
18 Kommentare
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Wer sich danebenbenimmt: Ausnüchterungszelle bei der Polizei. Dann überlegt man sich das für das nächstemal. Zu laute Musik im Laden? Man braucht nur ein billiges Lautstärkemeßgerät, 500,- Sofortstrafe in bar direkt vor Ort zu bezahlen und schon wird jeder Wirt genauestens drauf achten. Müll, dasselbe. Bei uns wird aber leider immer endlos und in epischer Breite rumdiskutiert und theoretisiert und dann wird doch nichts gemacht. Und die Anwohner, was wollt ihr? Zumachen und dann wird nur noch auf Malle gesoffen? Na prima. Machen wir aus Frankfurt jetzt ne Friedhofsanlage oder was? Mal ein bischen Verstand, ein paar praktische und pragmatische Lösungen und dann sollten wir das doch hinbekommen, oder? Ein Wort an die Gäste: Ein wenig Benimm, Anstand und Kultur kommt auch retromäßig immer wieder gut rüber.
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Die Verrohung nimmt weiter zu, nicht nur in Frankfurt. Die Menschen lassen sich in einer negativen Welle treiben, Ignoranz und Respektlosigkeit nehmen zu. Die Nachrichtenagenturen und die Politik tragen zu keiner Verbesserung bei.
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Ich lebe in Australien und bin oft zu Besuch in Frankfurt. Natürlich gehen wir oft nach Sachsenhausen und es wird immer schlimmer. Vor einigen Jahren fand ich den Mutter Kraus Brunnen voller Müll und habe mich bei der Stadtverwaltung darüber beschwert . Es hat lange Zeit gedauert bis der Brunnen eingezäunt wurde. Es ist echt traurig zu sehen wie schlecht es um die Gegend ist.
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