Suche nach Kind in Weilburg "Pawlos, komm raus, versteck dich nicht"
Seit einigen Tagen wird in Weilburg der sechsjährige Pawlos vermisst. Die Hoffnung ist weiterhin, den autistisch veranlagten Jungen lebend zu finden. Um ihn aus seinem möglichen Versteck zu locken, nutzen die Einsatzkräfte auch ungewöhnliche Methoden.
Über dem grauen Himmel über Weilburg flattern viele kleine bunte Punkte. Die Polizei hat Luftballons aufgehängt, überall an Brücken und Wegen in der Stadt.
Die Hoffnung: Die bunten Ballons könnten Pawlos aus seinem möglichen Versteck locken. Der Junge, der kaum spricht, mag Farben, heißt es.
Seit Dienstagmittag ist der Sechsjährige verschwunden. Die Polizei geht weiterhin nicht von einem Verbrechen aus, sondern hält es für wahrscheinlich, dass Pawlos sich irgendwo versteckt.
Junge verlässt Schulgelände
Der Junge hatte am Dienstag das Gelände seiner Förderschule in Weilburg nach dem Mittagessen verlassen, wie das zuständige Staatliche Schulamt am Mittwoch mitteilte. "Sein Fehlen wurde von den aufsichtsführenden Lehrkräften binnen einer Minute bemerkt."
Sie hätten unmittelbar eine schulinterne Suchaktion im Gebäude und auf dem Gelände eingeleitet. Nach einer Viertelstunde seien Polizei und Eltern informiert worden. "In der Schule besteht große Hoffnung, dass die öffentliche und intensive Suchaktion schnell dazu beiträgt, den Sechsjährigen wiederzufinden."
600 Einsatzkräfte auf den Beinen
Rund 600 Einsatzkräfte sind an diesem Tag unterwegs. Sie suchen auf dem Wasser, in leer stehenden Gebäuden, an Weilburgs Steilhängen, Burgruinen und Schrebergärten.
Dazu kommen zahlreiche Privatleute, die ihre Keller, Boote und Bäume absuchen. Auch Lehrkräfte der Förderschule des Jungen beteiligen sich laut Schulamt. Das Suchgebiet wurde am Nachmittag auch auf die umliegenden Ortsteile ausgeweitet.
Trotz nächtlicher Temperaturen um die sechs Grad hoffen die Einsatzkräfte darauf, Pawlos noch lebend zu finden. Weil der Junge offenbar leicht Angst bekommt und nicht auf direkte Ansprache reagiert, bitten die Helfer die Bevölkerung, ihn nicht selbst anzusprechen - und sie wenden ungewöhnliche Methoden bei ihrer Suche an.
Stimme der Mutter über Lautsprecher
Aus einem Lautsprecher spielen sie ein Tonband der Mutter ab: "Pawlos, hier ist deine Mutter", sagt sie in der Muttersprache des Jungen aus Eritrea. "Komm raus, bitte versteck dich nicht. Wir vermissen dich." Auch ein englischsprachiges Kinderlied, das Pawlos gut kennt, läuft per Lautsprecher.
Polizei, Technisches Hilfswerk und Feuerwehr aus vielen Orten in der Region sind im Einsatz. Eine Pferdestaffel ist unterwegs, 30 Hunde suchen nach Spuren des Kindes. Um die Mittagszeit kreist über Weilburg wie schon am Vortag ein Hubschrauber. Besonderes Augenmerk liegt bei der Suche derzeit auf der Gegend rund um den Bahnhof.
Letzte Spur am Bahnhof
Dort hat ein Zeuge Pawlos am Dienstag zuletzt gesehen - desorientiert, heißt es. Auch die Spürhunde der Polizei haben am Bahnhof angeschlagen.
Aber wohin Pawlos' Weg von dort aus weiter verlief, ist immer noch ein Rätsel. Der Regen in der Nacht habe auch den Hunden die Suche erschwert, teilen die Einsatzkräfte mit.
Ist Pawlos in Zug oder Bus gestiegen?
An Tag zwei steht inzwischen eine weitere große Frage im Raum: Könnte Pawlos in einen Zug oder Bus eingestiegen sein? Das Suchgebiet hieße dann nicht mehr nur Weilburg. Es hieße dann Deutschland.
Mittlerweile wurde die Fahndung auch offiziell aufs Bundesgebiet ausgeweitet. "Wir haben eine bundesweite Fahndung und sind auf die Bürger angewiesen. Wenn irgendwo in Deutschland ein Kind verloren herumsteht, bitte rufen Sie die Polizei", sagt ein Sprecher.
Die Einsatzkräfte haben mittlerweile Videos eines Busunternehmens gesichtet, Videoaufnahmen vom Bahnhof werden noch untersucht.
Pawlos mag auch Wasser
Am Lahnufer in der Stadt wandert ein Pärchen hin und her. Immer wieder beugen sie sich über das Geländer und suchen die Umgebung mit den Augen ab. Pawlos gilt als abenteuerlustig. Versteckt er sich im Gebüsch? In einem der Kanus, die am Ufer liegen? Ein sorgenvoller Blick geht hinüber auf eines der Motorboote auf dem Wasser.
Dass die Feuerwehrleute Pawlos im Wasser finden, hofft hier niemand. Es wäre das schlimmstmögliche Szenario. Das Wasser der Lahn ist eiskalt, um die zehn Grad. Man weiß auch: Der autistisch veranlagte Junge mag nicht nur leuchtende Farben. Er mag auch glitzerndes Wasser.
Die Einsatzkräfte rufen die Bevölkerung weiterhin dazu auf, sich an der Suche zu beteiligen. Ein Hinweistelefon wurde inzwischen eingerichtet, unter der Nummer 06431/9140599.