Eingebürgerte Erstwähler "Ich wollte mir hier ein Haus kaufen - jetzt bin ich mir nicht mehr sicher"
Zum ersten Mal wählen zu dürfen, ist ein bedeutender Moment - besonders für Menschen, die nach Jahren des Ankommens in Deutschland eingebürgert wurden. Vier Eingebürgerte berichten über ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Sorgen - und darüber, was das Wahlergebnis für sie bedeutet.
Rund 180.000 Menschen in Hessen waren am vergangenen Sonntag erstmals zur Bundestagswahl aufgerufen - darunter nicht nur junge Erstwähler, die gerade volljährig geworden waren, sondern auch Eingebürgerte, die ihr Wahlrecht nun erstmals ausüben konnten. Im Vorfeld der Wahl hatten vier von ihnen uns gesagt, wie wichtig es ist für sie zu wählen - nun haben wir sie gefragt, wie sie den Tag der Wahl erlebten und wie sie die Ergebnisse bewerten.
Die Protokolle erstellte Andreas Bauer.
Paula Kons
"Ich dachte, es ist keine große Sache, weil ich ja auch schon in Rumänien gewählt habe. Aber es war doch etwas Besonderes, ein schönes Erlebnis, in Deutschland wählen zu dürfen. Das Ergebnis ist besser, als ich es erwartet habe. Ich dachte, dass die AfD nach den Anschlägen in Aschaffenburg und anderswo noch stärker wird.
Trotzdem: Das Wahlergebnis macht mir Angst als Migrantin. Um es kurz zu sagen: Ich wollte ein Haus kaufen in Deutschland, aber ich bin mir nicht mehr sicher mittlerweile.
Im Wahlkampf war ich unzufrieden damit, dass die CDU nach rechts gerutscht ist. Deswegen hab ich mich entschieden, die Partei nicht zu wählen. Ich habe grün gewählt. Dass die Union gewonnen hat, finde ich aber nicht so schlimm. Vielleicht war es ja auch ein guter Schachzug von ihr, nach rechts zu blinken, um von der AfD Stimmen zu gewinnen.
Ja, es gibt ein Migrantenproblem, aber es ist nicht das, was die AfD daraus macht. Und ich würde sagen, auch nicht das, was die CDU daraus macht. Deutschland könnte viel mehr für die Integration tun. Das fängt schon mit dem Sprachunterricht an. Die deutsche Sprache ist sehr schwierig. Da bräuchte es für Neuankömmlinge noch mehr Unterstützung. Das Zweite ist die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen."
Abdulmounem Alowis
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"Früher in Syrien musste ich wählen, am Sonntag habe ich es freiwillig gemacht, das war ein tolles Gefühl. Ich konnte ganz frei eine Partei wählen, von der ich glaube, dass sie ein gutes Konzept für mich und meine Familie hat. Ich bin sehr zufrieden.
Ich fand, dass das Thema Migration im Wahlkampf eine zu große Rolle gespielt hat. Ja, es gab die Anschläge in Magdeburg und Aschaffenburg. Aber da wurde vieles in eine Schublade gesteckt. Der Tenor war, dass die ganze Migration gescheitert sei, dass wir alle abschieben müssen.
Andere Themen wurden im Wahlkampf doch kaum angesprochen: Wirtschaft, Bürokratie, Digitalisierung und Klimaschutz. Es geht auch um Löhne und Inflation. Die Lebensrealität vieler Familien ist doch, dass am Ende des Monats das Geld kaum reicht.
Was das Ergebnis der AfD angeht: Da habe ich kein gutes Gefühl. Ich bin Migrant, auch meine Frau. Wenn ich die AfD-Politiker sprechen höre, fühle ich mich ausgegrenzt, als gehörte ich nicht zu dieser Gesellschaft. Wenn die AfD mal an die Macht kommt, dann bin ich nur noch Migrant und kein Deutscher mehr, nur noch Bürger zweiter Klasse.
Aber auch Friedrich Merz hat da eine Tür geöffnet, als er sagte, dass straffällige Doppelstaatler ausgebürgert werden könnten. Das verunsichert mich. Ich habe eine feste Arbeit und ein stabiles Leben hier, aber ich bin kein Biodeutscher."
Biroz Hannan
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“Ich muss ehrlich sagen, dass ich sogar noch mehr Stimmen für die AfD erwartet habe. Aber ja, es ist schlimm, dass die Partei so viele Stimmen bekommen hat. Es ist schade, dass so viele junge Menschen diese Partei gewählt haben. An meinem Wohnort in Münster hat die AfD über 19 Prozent der Stimmen geholt.
In Syrien musste ich meine Heimat verlassen, weil es Krieg und keine Demokratie gab. Hier haben wir Frieden und Demokratie. Wie viele Jahre hat Deutschland gekämpft, wie viele Menschen sind gestorben, damit wir eine solche Demokratie haben? Das ist nicht selbstverständlich, deswegen muss man kämpfen um diese Demokratie."
Parwiz Rahimi
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"Meine erste Bundestagswahl war ein Erlebnis. Das Wetter hat auch mitgespielt. Die Sonne hat geschienen. Es war ein herrlicher Tag. Ich habe mich schick gemacht und bin zur Wahl gegangen. Danach habe ich den ganzen Tag gespannt auf das Ergebnis gewartet. Ich habe in meiner neuen Heimat mitentscheiden können. Das ist ein gutes Gefühl.
Als das Ergebnis dann kam, habe ich mich gefragt, warum so viele Menschen nicht von der Geschichte gelernt haben. Gerade im Blick auf den Osten ist es schon sehr dramatisch. Die blaue Farbe ist sehr vorherrschend. Ich wünsche mir von der neuen kommenden Regierung, dass sie trotzdem mehr in Integration investiert. In diesem Land leben nun mal Menschen aus sehr vielen Ländern.
Ich komme aus Afghanistan - und obwohl vielleicht manche denken, dass ich als Migrant nur Deutscher zweiter Klasse bin, sehe ich mich nicht so. Ich habe hier studiert, meinen ersten Job gefunden, ich arbeite ehrenamtlich. Ich habe ein richtig gutes Gefühl, was meine neue Heimat Deutschland angeht. Ich will, dass Deutschland vorankommt."