Kassel "genießt den Moment" OFC bricht völlig ein: Aufstiegsträume adé
Binnen eines Monats wird aus dem Tabellenführer Kickers Offenbach ein abgehängtes Regionalliga-Team. Der Traum vom Aufstieg ist (fast) geplatzt. Wer das Spiel in Kassel anschaut, ahnt weshalb.
Als die Heimfans unter den 7.300 Zuschauern in Kassel den Stimmungsklassiker anstimmten, als sie "Oh, wie ist das schön" durchs altehrwürdige Auestadion schmetterten, sickerte eines bei den Unterlegenen, den Gästen aus Offenbach, wohl längst durch: Das war's, also noch nicht fix, nicht sicher, aber irgendwie schon. 1:4 verloren das hessische Nord-Süd-Duell, völlig verdient noch dazu. Ergibt in der Tabelle sieben Punkte Rückstand bei noch sieben ausstehenden Regionalliga-Spielen auf die souverän marschierende TSG Hoffenheim II. Und bedeutet gleichzeitig: Aufstiegsträume adé - zumindest gefühlt.
"Ja, so kann man das erstmal sagen", antwortete OFC-Trainer Christian Neidhart auf entsprechende Frage des hr-sport zu einer möglichen Vorentscheidung im Aufstiegsrennen, schloss aber an: "Trotzdem werden wir uns nicht aufgeben." Alles in allem aber sei es natürlich ein "absolut gebrauchter Tag" gewesen. "So haben wir uns bis jetzt noch nie präsentiert", sagte der Coach. Ruhiger Ton, starre Miene, pure Enttäuschung. Die Leistung seiner Mannschaft sei im Grunde nicht in Worte zu fassen, zumal sich die Kickers bewusst gewesen seien, "eigentlich auswärts gewinnen zu müssen", wie Neidhart hinterherschob.
OFC-Trainer Neidhart kritisiert Körpersprache
Auf dem Rasen aber sei das nie zu erkennen gewesen, fehlten nicht nur fußballerische Klasse, sondern erstaunlicherweise auch Biss, Leidenschaft und Kernigkeit. Als "saft- und kraftlos" beschrieb Neidhart dies. Doch warum? Eine Erklärung konnte der Kickers-Trainer am Dienstagabend nicht liefern. Lediglich eine Tatsachenbeschreibung: Er kritisierte eine "fehlende Körpersprache" und das schlechte Zweikampfverhalten. Gerade in der Box, also im eigenen Strafraum, sei sein Team nicht am Mann gewesen.
Der treue OFC-Anhang wird sich wohl wieder gedulden müssen, mutmaßlich kommende Saison den 13. Anlauf (!) in der vermaledeiten Viertklassigkeit nehmen müssen. Dabei lief es in dieser Saison doch so lange so prächtig. Die Fans standen hinter dem Team, das Team erbrachte den Gegenwert. Gute Leistungen wechselten sich mit kämpferischen Leistungen ab. Auf einzelne Rückschläge folgten prompt wieder Höhepunkte.
Und spätestens als die Offenbacher Fußballer den Rückstand auf Hoffenheim erst wettgemacht hatten und dann sogar vorbeigezogen waren an die Spitze der Tabelle, am 9. März war das, reifte die Überzeugung, dass diesmal doch alles gut werden würde.
Der OFC bricht völlig ein
Was seitdem passierte, ist in kleinen Teilen mit großen Verletzungssorgen zu erklären, auch in Kassel erwischte es mit Daniel Dejanovic einen weiteren Leistungsträger übel. Wie am Mittwoch bekannt wurde, erlitt Dejanovic einen Kreuzband- und Außenmeniskusriss. Als alleiniger Grund für den Offenbacher Einbruch aber sollten die personellen Sorgen nicht herhalten. Aus den vergangenen vier Spielen holten die Kickers nur fünf von zwölf möglichen Punkten, sie verloren nicht nur beim Abstiegskandidaten in Kassel, sondern teilten auch die Zähler mit den Stuttgarter Kickers und Eintracht Trier. Zudem gab es zwischendurch eine deutliche Niederlage im Hessenpokal gegen den Drittligisten SV Wehen Wiesbaden. Alles in allem: ziemlich niederschmetternd. Noch am Zaun in Kassel mussten sich die OFC-Spieler mit enttäuschten Fans auseinandersetzen.
In Kassel spielten die Offenbacher so schwach wie selten zuvor in dieser Saison, wenig bis nichts funktionierte. Hinten streute die Mannschaft eklatante Fehler ein, vorne entwickelte sie kaum Torgefahr. Die Offenbach-Post titelte simpel wie treffend: "Schwarzer Tag für Kickers Offenbach". Damit war im Grunde alles gesagt.
Hessen Kassel genießt nur kurz den Moment
Und beim KSV Hessen? Da sangen sie nicht nur herzerwärmend, sie spielten auch wie aus einem Guss. Die Abwehr verteidigte fast alles weg, mit Ausnahme eines direkt verwandelten Freistoßes zum 1:4-Ehrentor von Offenbachs Sascha Korb, und im Angriff zeigten Nikos Zografakis und Jan Dahlke große Klasse. Beide trafen doppelt.
Für Torjäger Dahlke war es bereits der zehnte Treffer im erst sechsten Spiel seit seinem Winterwechsel ins Nordhessische. Besser geht's nicht. "Die Jungs waren sehr aufgedreht, sehr wach", lobte KSV-Trainer René Klingbeil, der einerseits darauf pochte, den Moment zu genießen, "heute jedenfalls", der andererseits aber schon wieder nach vorne blickte.
KSV-Trainer Klingbeil: "Haben weitere Endspiele"
Denn der KSV Hessen steckt weiterhin im Schlamassel - nicht mehr bis zur Hüfte wie noch zum Jahreswechsel, sehr wohl aber bis zu den Knöcheln. Als Zwölfter ist der Klassenerhalt trotz in diesem Jahr stark aufsteigender Tendenz - fünf Siege, ein Remis und nur eine Niederlage in sieben Spielen – keineswegs sicher. Auch die Konkurrenz wie der Bahlinger SC (1:0 bei der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz) und der FC Gießen (1:0 beim SC Freiburg II) punkteten am Dienstag dreifach. Am Mittwoch könnte zudem die U21 von Eintracht Frankfurt mit einem Sieg gegen den TSV Steinbach Haiger an Kassel wieder vorbeiziehen.
"Wir bleiben weiter demütig und wissen, dass wir noch weitere Endspiele haben", sagte Klingbeil. Am Sonntag ist Kassel beim FSV Frankfurt gefordert, das an diesem Mittwoch noch beim FSV Mainz 05 II antritt und mit einem Erfolg gar auf Rang zwei oder drei klettern könnte. Klingbeil hatte die Bornheimer zuletzt bei ihrer 0:1-Niederlage gegen die Stuttgarter Kickers vor Ort beobachtet und festgestellt: wird kompliziert. Und doch um einiges einfacher als ein Aufstieg von Kickers Offenbach.