25. Girls' Day "Ich wollte diesen Job - egal, ob ich die einzige Frau bin"
Mädchen schnuppern in traditionelle Männerberufe hinein, Jungen lernen klassische Frauenbranchen kennen. Das ist die Idee des Girls' and Boys' Day. In einigen Berufen haben sich die Geschlechterbilder in Hessen geändert - im MINT-Bereich kaum.
In der Frankfurter Heinrich-Kleyer-Schule, einer Berufsschule mit technischem Schwerpunkt, steht Mounia Addou in einer Werkstatt an einer Drehmaschine. "Wenn ich bei einem Rohr den Durchmesser verkleinern möchte, kann ich es hier einspannen", erklärt die 19-Jährige.
Die Schülerin aus Dreieich (Offenbach) lässt sich zur Anlagenmechanikerin für Rohrsystemtechnik ausbilden und ist im ersten Lehrjahr. In der Berufsschule wie auch im Betrieb ist sie umgeben von Jungs.
Abgeschreckt hat sie das nicht. "Ich wollte diesen Job unbedingt machen, weil er mir Spaß macht", sagt Mounia Addou: "Es war mir egal, ob ich die einzige Frau bin oder nicht."
Bessere Stimmung in gemischten Klassen
Ähnlich ergeht es der 20 Jahre alten Ria Müller. Die junge Frau aus Bensheim (Bergstraße) will Kfz-Mechatronikerin werden, auch sie macht hier als eine von wenigen Frauen diese Ausbildung. "Ich habe zuerst den Girls' Day in einer Autowerkstatt gemacht, dann ein Praktikum. Das hat mein Interesse geweckt", erzählt Ria Müller.
2001 wurde der Girls' Day bundesweit zum ersten Mal veranstaltet. Später kam der Boys' Day dazu. Die Idee: Mädchen sollten in typische Männerberufe hineinschnuppern, Jungen traditionelle Frauenjobs kennen lernen.
Bisher hat sich dadurch zumindest an der Frankfurter Heinrich-Kleyer-Schule wenig geändert. In den technischen Ausbildungen sei die Männerquote weiter hoch, pro Klasse gebe es nur 1,2 Schülerinnen, sagt der Schulleiter Klaus Sandrock: "Dabei wünscht sich jeder Lehrer, dass es in einer Klasse ein paar Frauen gibt. Dann ist alles viel ruhiger, gemäßigter, das ist gut fürs Klassenklima."
Frauen in der Naturwissenschaft bleiben rar
Bei der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit erfährt man: Voriges Jahr schlossen in Hessen in den naturwissenschaftlichen Berufen rund 1.400 Frauen neue Ausbildungsverträge ab. Im Vergleich zu früheren Jahren stieg die Frauenquote damit geringfügig auf 11,4 Prozent.
Und doch lag die Quote unter dem bundesweiten Durchschnitt, der nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vorigen Jahr bei zwölf Prozent lag. "Frauen trauen sich diese Berufe immer noch nicht zu", glaubt Anke Paul, bei der Regionaldirektion die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.
"Und teilweise können sich gerade kleine und mittlere Unternehmen immer noch nicht vorstellen, dass Frauen für technische Berufe geeignet sind", berichtet Anke Paul. Da seien also die Geschlechterklischees noch weit verbreitet. Daran habe der Girls' and Boys' Day bisher wenig geändert.
Mehr Tischlerinnen und männliche Frisöre
Bei anderen Ausbildungsberufen scheint sich aber etwas zu tun. Wie das Statistische Landesamt meldet, gibt es mittlerweile beispielsweise mehr Berufskraftfahrerinnen und Tischlerinnen in Hessen. Hätten 2013 noch rund 120 Frauen das eher männerdominierte Tischlerhandwerk erlernen wollen, seien es 2023 schon 100 Frauen mehr gewesen.
Auf der anderen Seite können sich laut Statistischem Landesamt offenbar mehr Männer für klassische Frauenberufe begeistern. So gibt es mehr Frisöre. 2023 hätten sich rund 390 Männer zum Frisör ausbilden lassen, zehn Jahre zuvor seien es knapp 300 gewesen.
Die Kinder brauchen auch männliche Erzieher
Ein Blick in eine weitere Frankfurter Berufsschule: die Berta-Jourdan-Schule, sie ist eher auf soziale Jobs ausgerichtet. Die Schulleitung berichtet, derzeit würden hier rund 600 junge Menschen die Erzieherausbildung absolvieren. Davon seien 200 männlich.
Dazu gehört David Schmidt aus Frankfurt. Der angehende Erzieher hat im sozialen Bereich schon praktische Erfahrungen gesammelt. "Ich habe ein Jahr in einem Hort mitgearbeitet, das hat mir Spaß gemacht", sagt der 33-Jährige. Beruflich wolle er deshalb weiter in diese Richtung gehen.
Auch für die Kinder findet es Schmidt wichtig, dass sie männliche Erzieher um sich haben. Manche hätten ihn im Hort darauf angesprochen und gefragt, warum er als Erzieher arbeite, erzählt er: "Es kann positiv sein, mit Kindern darüber zu reden und Rollenbilder aufzubrechen."
Das ist auch der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit ein großes Anliegen. Dafür böten auch der Girls' Day und der Boys' Day Gelegenheit. Damit könne man schon die Jüngsten erreichen, nämlich Mädchen und Jungs ab elf Jahren.