Fachkraft trotz Handicap Wie ein Azubi in Fulda zeigt, was Inklusion leisten kann
Der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung steckt vielerorts fest. Doch es gibt Gegenbeispiele. Am Klinikum Fulda macht der Auszubildende Fabian Bleuel vor, wie Teilhabe gelingt – und was Betriebe gewinnen, wenn sie auf Inklusion setzen.
Vom Toilettenpapier, über Sprudelwasser und Spritzen bis hin zu Herzklappen - im Zentrallager des Klinikums Fulda geht fast alles, was die Stationen für den Alltag und Behandlungen brauchen, auch durch seine Hände. Fabian Bleuel arbeitet seit August als Auszubildender im Krankenhaus. Seine Personalie ist nicht nur etwas Besonderes für das Klinikum – sie ist auch ein Musterbeispiel für gelungene Inklusion.
Denn der 18-Jährige aus Hofbieber (Fulda) leidet unter anderem an einer angeborenen Augenkrankheit. Er kann schlecht sehen und ist schwerbehindert. Doch trotzdem hat er sich den Traum von einer Ausbildung auf dem regulären Arbeitsmarkt erfüllt. Bis er im Klinikum angenommen wurde, musste er Ausdauer zeigen – er habe bestimmt über 20 Bewerbungen verschickt.
"Ich habe dafür gekämpft"
Bleuel sagt: "Ich habe gesundheitlich schon viel Mist erlebt, mich aber nie aufgegeben. Ich habe dafür gekämpft, dass ich die Chance in einem normalen Beruf bekomme. Und ich habe mich durchgesetzt." Zuvor besuchte er eine Schule für Sehbehinderte in Homberg/Efze (Schwalm-Eder).
Nachdem er bei einer Job-Messe war und von den Möglichkeiten am Klinikum – dem größten Arbeitgeber der Region – erfuhr, absolvierte er mehrere Probetage und überzeugte dabei die Verantwortlichen.
Damit Bleuel seinen Job bewältigen kann, bekommt er viel Unterstützung - von seiner Familie, vom Arbeitgeber und von der Agentur für Arbeit, die ihm den Arbeitsplatz "maßgeschneidert" eingerichtet haben, wie die Behörde erklärt. Alle Beteiligten hätten ihren Teil dazu beigetragen, um ihm den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zu ebnen.
Ein wichtiger Teil der Unterstützung ist technischer Natur: Im Arbeitsalltag im Krankenhauslager mit rund 40.000 Artikeln nutzt Bleuel verschiedene Hilfsmittel. Damit er kleine Schriften, etwa auf Verpackungen, lesen kann, verwendet er eine spezielle Lupe zur starken Vergrößerung - bezahlt hat sie die Agentur für Arbeit.
Bleuel leidet unter anderem an einem Augenleiden namens Nystagmus. "Dadurch habe ich Probleme, Dinge zu fokussieren", erklärt er. Seine Augen pendeln rasch und unkontrolliert hin und her. Sich in Räumen und Gängen des Warenlagers zu orientieren - damit hat er dagegen keine Probleme.
"Menschen mit Behinderung ebenso leistungsfähig"
Für Matthias Dengler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, ist der berufliche Werdegang von Fabian Bleuel ein Musterbeispiel. Es zeige, "dass Menschen mit Behinderung ebenso leistungsfähig sind wie Menschen ohne Behinderung".
Dengler erklärt weiter: "Sie sind motiviert, erbringen gute Leistungen, bereichern die Belegschaft, bringen uns als Arbeitgeber weiter." Er wolle damit alle Arbeitgeber ermutigen, dieses Potenzial an Arbeitskräften zu nutzen. Man könne gemeinsam individuelle Lösungen entwickeln und umsetzen, um Schwerbehinderte erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Vorbehalte und Unsicherheiten
Doch nicht viele Arbeitgeber lassen sich darauf ein, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen. Laut der Agentur für Arbeit bestehen vielerorts noch Vorbehalte und Unsicherheiten. Dabei gebe es die Möglichkeit, dass Arbeitgeber finanzielle Zuschüsse und technische Ausstattung für schwerbehinderte Beschäftigte erhalten. Doch diese Möglichkeiten werden noch zu selten genutzt.
Es kommt aber auch immer auf die individuellen Fähigkeiten der schwerbehinderten Menschen an. Freilich könne nicht jeder jede Tätigkeit ausüben. Im Klinikum Fulda jedoch unternehmen sie viel, um Menschen mit Handicap zu integrieren: Rund 300 von knapp 4.000 Beschäftigten dort sind schwerbehindert.
Schwerbehinderte als Fachkräfte
Klinikum-Vorstand Thomas Menzel erklärt dazu: "Wir sind ein öffentlicher Arbeitgeber. Unsere Verantwortung umfasst mehr als Geld verdienen. Herr Bleuel ist ein Beispiel dafür, dass wir Verantwortung übernehmen. Und vor allem ist er Teil unserer Fachkräftestrategie."
In Zeiten des Fachkräftemangels stellten schwerbehinderte Menschen eine Gruppe mit großem Potenzial dar – das jedoch vielerorts ungenutzt bleibe, sagt Dengler. Bis zum Jahr 2030 werden nach seinen Angaben im Landkreis Fulda rund 11.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt – und etwa 200.000 in ganz Hessen.
So gut wie am Klinikum Fulda läuft es mit der Integration von Menschen mit Handicap nicht überall in Hessen. Von den mehr als 207.000 Arbeitslosen im Bundesland waren zuletzt rund 11.900 schwerbehindert – das entspricht einer Quote von 5,74 Prozent, wie aus einer Statistik hervorgeht.
Rückschritte auf dem Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung hat sich in Hessen einer Studie zufolge verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Handelsblatt Research Institutes und des Vereins Aktion Mensch.
Die Sprecherin von Aktion Mensch, Christina Marx, sagte: Die derzeit schwierige wirtschaftliche Lage in Deutschland führe zu spürbaren Rückschritten bei der Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen auf dem Arbeitsmarkt.
Integration auf einem Tiefpunkt
Laut dem Verein kommen immer mehr Unternehmen ihrer gesetzlichen Pflicht, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen, nicht nach. Der Anteil der in Hessen ansässigen Betriebe, die die vorgegebene Fünf-Prozent-Quote vollständig erfüllen, sei auf einen Tiefstwert gesunken, wie aus dem sogenannten Inklusionsbarometer hervorgeht. Lediglich 42 Prozent der verpflichteten Unternehmen erfüllten die Quote vollständig.
Ab 20 Mitarbeitenden sind Arbeitgeber verpflichtet, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. In Hessen sind das den Angaben zufolge derzeit mehr als 13.000 Unternehmen. Wird die Pflichtquote nicht erreicht, muss ein Arbeitgeber für jeden unbesetzten Pflichtarbeitsplatz einen Ausgleich an den Landeswohlfahrtsverband bezahlen.
Happyend: Vom Patienten zum Auszubildenden
Am Klinikum Fulda ist das nicht nötig. Dort liegt die Quote bei 7,5 Prozent. Und auch im Landkreis Fulda hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan: Die Zahl der arbeitslosen Schwerbehinderten ist dort in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent gesunken, wie die Agentur für Arbeit mitteilte. Im Jahresdurchschnitt waren dort zuletzt 343 Menschen mit Handicap als arbeitslos gemeldet.
Für Fabian Bleuel ist Arbeitslosigkeit kein Thema. Er will nun beruflich durchstarten. Nach seiner zweijährigen Ausbildung möchte er noch ein Jahr dranhängen, um sich zur Fachkraft für Lagerlogistik weiterzubilden.
Dass dies ausgerechnet in einem Krankenhaus geschieht, hat für ihn besonderen Stellenwert – ein ganz persönliches Happy End: "Früher war ich vor allem als Patient in Krankenhäusern – jetzt verdiene ich hier mein Geld."